Total Pageviews

Monday, January 25, 2016

Millionen-Gerangel um Picassos Muse Marie Therese

Bis zum 7. Februar befindet sich Picassos berühmte Gipsbüste seiner Muse Marie-Théresè als Exponat in seiner großen Skupturenausstellung im MoMA noch in relativer Sicherheit. Doch kaum ist die Show geschlossen, will Larry Gagosian das kostbare Werk, das er sein Eigentum nennt, in Empfang nehmen. Schließlich hat er im Mai 2015 fast 106 Millionen Dollar für die Plastik aus dem Jahr 1931 - einer besonders produktiven Schaffensperiode des Künstlers - bezahlt. Doch das Königshaus von Katar insistiert, bereits im November 2014 über seinen Ankäufer, die Pelham Europe Ltd. in London, eine erste Anzahlung von 6.6 Millionen Dollar auf die Büste geleistet zu haben, für die ein Preis von 42 Millionen Dollar vereinbart war. In beiden Fällen soll Picassos Tochter Maya Widmaier-Picasso die Verkäuferin gewesen sein. Die 80-jährige Dame hatte die inzwischen geschlossene Pariser Firma Connery, Pissaro, Seydoux mit der Durchführung des Verkaufs an Sheik Jassim bin Abdulaziz al Thani, den Gatten der Vorsitzenden des Katar Museums, Sheika al Mayassa bint Hamad bin Khalifa al Thani betraut. 






















Offenbar hielt Mayas Tochter Diana Widmaier-Picasso, eine gute Bekannte von Gagosian, das von ihrer Mutter akzeptierte Angebot des Scheichs für viel zu niedrig: zwar lag der Auktionsrekord für eine Picasso-Skulptur 2007 bei nur 29.2 Millionen Dollar (es handelte sich um ein Portrait von Dora Maar), doch erzielten seine "Femmes des Algier" bei Christie's im vergangenen Jahr sensationelle 179.4 Millionen Dollar. Die MoMA Skulpturen-Show mit ihren hymnischen Kritiken kann auch nur eine erhebliche Aufwertung seines bildhauerischen Oeuvres zur Folge haben. Nach einer Ausstellung in Gagosians Madison Avenue Galerie im Jahr 2011, die von Marie-Thérèse inspirierte Picasso-Arbeiten zeigte, hatte man Diana längst dreistellige Summen für die ikonische Büste ihrer Großmutter angeboten.

Auf Drängen ihrer Tochter annulierte Maya Widmaier-Picasso den Vertrag mit der Königsfamilie. Gagosian behauptet, erst im Oktober durch einen Brief von Pelham, der die Entfernung der Skulptur aus dem MoMA androhte, überhaupt von den Ansprüchen des Scheichs erfahren zu haben, eine Aussage, die Pelham Europe Ltd. zurückweist. Der Galerist hat inzwischen 79,7 Millionen Dollar angezahlt, was ihn seines Erachtens seit dem 2. Oktober letzten Jahren zum rechtmäßigen Besitzer macht. Darüber hinaus hat er zu verstehen gegeben, dass die Skulptur bereits für einen Käu
fer reserviert sei, der sie in der zweiten Februar vom MoMA abzuholen gedenkt. 

Gagosian hat nun beim Gerichtshof von Manhattan Klage gegen die Pelham Ltd. eingelegt: nachdem Maya Widmaier-Picasso im April 2015 alle Zahlungen von Pelham an Connery Pissaro Seydoux zurück gezahlt hatte, stornierte das Unternehmen den Verkauf einen Monat später. Pelham prozessiert nun wegen Vertragsbruchs gegen Diana in der Schweiz und hat ein französisches Gericht darauf angesetzt, die Arbeit zu konfiszieren. Gegen den Gerichtsbeschluß, ihr die Übernahme der Skulptur zu verbieten, hat sie bereits Einspruch eingelegt. Die von Guy Bennett, dem ehemaligen Leiter des Departments für impressionisische und moderne Kunst bei Christie's, geleitete Firma soll gerade im Begriff gewesen sein, die dritte und letzte Rate für die revolutionäre Skulptur zu zahlen, als Gagosian seine Ansprüche anmeldete. Das Gericht verlangt nun von dem Megahändler, die Identität seines Käufers preiszugeben - ein Dilemma für Gagosian, der sich vertraglich sowohl zur Geheimhaltung des Namens als auch der Summe verpflichtet hatte. Gerüchten zufolge soll es sich um den notorischen Sammler - und verurteilten Finanzbetrüger - Steven Cohen handeln.

Larry Gagosian hat sich kürzlich schon einmal in rechtlichen Schwierigkeiten gefunden: vor drei Jahren beschuldigte ihn die Sammlerin Jan Cowles, ein Lichtenstein Bild ohne ihre Genehmigung verkauft zu haben. Als der reichste unter den Galeristen ist er als aggressiver Geschäftsmann berüchtigt, doch hat er es bei den Katarern mit mächtigen Gegnern zu tun: die Scheichin verfügt über einen jährlichen Einkaufsetat von einer Milliarde Dollar für das Katar Museum, und ihre Familie kontrolliert 25 Prozent des auf elf Milliarden Dollar geschätzten Kunstmarkts im Nahen Osten. In seinen Statements hat Gagosian nun nahegelegt, dass Pelham verzweifelt versuche, "ein gewissenloses Abkommen mit einer älteren Frau in schlechtem Gesundheitszustand" erzwingen zu wollen. Mayas Bereitschaft, eine wichtige Arbeit ihres Vaters weit unter Preis zu verkaufen, wurde wenig subtil  als Anzeichen kognitiver Beeinträchtigung gewertet. Vielleicht ist Maya Widmaier-Picasso nicht auf dem neuesten Stand des Kunstmarktes, vielleicht ist sie dement. Dann kommen aber auch Diana und Larry nicht sehr gut weg.

Claudia Steinberg

Idealisten-Projekt Detroit - Wie die Kunst eine bankrotte Industriestadt retten soll

“Die Hälfte aller Gebäude in Downtown Detroit ist verschwunden, aber es gibt hier immer noch Dichte”, erklärt der Unternehmer und Kunstmäzen Gary Wasserman vor der Kulisse jenes eleganten Hochhauses, das den Anfang der endlosen Woodward Avenue markiert. Wie rund 80 andere Wolkenkratzer wurde auch dieser weiße Turm, der dem Architekten Yomura Yamasaki als Vorlage für das World Trade Center diente, kürzlich von dem Versicherungsgiganten Quicken Loans für eine Million Dollar gekauft - und Detroit damit einen Schritt vom Abgrund zurück geholt. Verglichen mit Chicago oder gar Manhattan wirkt die verbliebene vertikale Architektur, zu der spektakuläre Bauten aus der Hochzeit der Motor City um den zweiten Weltkrieg herum gehören, eher spärlich. Doch Wasserman wird nicht müde, über seine zerrissene Heimatstadt als ein “urbanes Laboratorium für eine noch zu entwickelnde Stadtform des 21. Jahrhunderts” zu sprechen. Als er vor fünf Jahren hörte, dass junge Künstler verwaiste Nachbarschaften besiedelten, zog er aus seinem Zufluchtsort in Florida zurück nach Detroit, “eine gescheiterte postindustrielle Stadt mit reichhaltigen Ressourcen.” Voller Zuversicht eröffnete er inmitten der Misere eine Galerie. Heute hält er den damaligen Optimismus für nur zu fünf Prozent berechtigt - und kann ihn doch nicht begraben. 

Der beligische Künstler Koen Vanmechelen, der sein Cosmopolitan Chicken Project in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Detroit/Wasserman Project nach Detroit bringen will, vor einem Wandgemälde auf dem Großmarkt.

So vermochten die kreativen Pioniere das Schicksal der einstigen Industrie-und Kulturmetropole kaum eigenhändig zu wenden, aber sie stelltem dem “Detroit-Lamento” erstmals eine Hoffnungsbotschaft gegenüber: statt “Ruinen-Porno”, wie die Einheimischen die voyeuristische Bilderflut von verwitterten Villen, verlassenen Bahnhöfen und verkommenen Prachtkinos nennen, propagierten die furchtlosen, aus ihren überteuerten Ursprungsorten vertriebenen Immobilienopportunisten eine Detroit-Renaissance - der Motor sollte  diesmal die Kunst, das Handwerk und eine kleinformatige Biolandwirtschaft auf Motowns immensem Brachland sein.

Die Künstlerin Nancy Mitchnick, die nach vielen Jahren als Harvard-Professorin nach Detroit zurückkehrte und nun die verfallenen Häuser der Stadt zu ihrem malerischen Sujet erklärt hat, in ihrem Atelier.




Tatsächlich ist die kulturelle Infrastruktur der seit einem halben Jahrhundert dem Untergang entegensinkenden Stadt dank einer Gruppe passionierter Finanziers weiterhin funktional: im Opernhaus kann man nach wie vor eine Aida-Aufführung mitsamt Elefanten erleben, und das Detroit Art Institute gilt als eines der bedeutendsten Museen der USA. Kaum eine Kunstakademie ist so luxuriös ausgestattet wie das Cranbrook College in Birmingham jenseits der Eight Mile Dekarmationslinie, die die zu 82 Prozent afro-amerikanische City von ihren wohlhabenden Vororten trennt. Der von Eliel Saarinen und seinem Sohn Eero angelegte Kampus mit dazugehörigem Museum bringt mehr und mehr Künstler hervor, die nicht mehr nach New York oder Los Angeles, sondern in die verwilderte Stadt nebenan ziehen. Die rund 80,000 abbruchreifen Wohnhäuser und die 20,000 unrettbar verrotteten Industriebauten von Detroit sind für etliche von ihnen eine Inspiration: Cranbrook-Absolvent Charlie O’Geen zum Beispiel reduzierte sein 72 Quadratmeter großes Reihenhaus in der Arbeitersiedlung Hamtramck nahe der längst stillgelegten Dodge Fabrik auf sein Skelett und katalogisierte jeden Balken und jede Diele mit der Akribie eines Archäologen. In die entkernte Hülle baute er aus dem entfernten Malerial eine minimalistische, funktionalistische Kapsel. Ein verwüstetes Haus gegenüber wird er einer ebenso analytischen Neukonstruktion aus seinem ursprünglichen Innenleben unterziehen. 

Der New Yorker Künstler Markus Linnenbrink (ursprünglich aus Dortmund) und der Architekt und Designer Nick Gelpi in ihrem Pavillon - sie haben den beweglichen Veranstaltungsraum, der in der Detroiter Kunsthalle steht, gemeinsam entwickelt.

Im selben Viertel rehabilitieren der Künstler Mitch Cope und die Architektin Gina Reichert seit 2009 im Rahmen ihres Powerhouse Projects etliche bescheidene Häuser zu Kunst- und Performanceräumen, darunter auch ein Sound House - wenn es möglich ist, einen Bungalow für $ 500 auf einer Auktion zu ersteigern, kann man es sich wohl auch leisten, ihn in einen reinen Resonanzkörper zu verwandeln. Die Interventionen der Non-Profitorganisation haben den vor kurzem noch so desolaten Straßen eine Vitalität injiziert, die andere Idealisten anlockt, wie die international bekannte Künstlerin Swoon. Die meisten Fassaden an der Moran Street sind beispielsweise mit Trophäen aus den Trümmern der von einst zwei Millionen auf weniger als 700,000 Einwohner dezimierten Stadt dekoriert - man denkt an die Behausungen eines entlegenen Stammes, wild und trotzig. Nicht unverwandt dem legendären Heidelberg Project des Künstlers Tyree Gayton, dessen mit Spielzeug, Schallplatten und anderen Fundstücken bespickte Häuser jährlich rund 300,000 Touristen anlocken. Sein seelenverwandter Kollege Olayami Dabl hat ebenfall ein verfallenes Gemäuer zu einem Outsider Art Palast transformiert, dem die Stadt Detroit gerade Legitmität bescheinigte.
Der Künstler Olayami Dabl, der eine Detroiter Ruine in jahrelanger Arbeit zum Kunstwerk verwandelt hat - inzwischen ist auch die Stadtverwaltung, die ihn zunächst bekämpfte, auf seiner Seite.

Bester Beweis dafür, dass nun auch von offizieller Seite die Bedeutung der Kunst für die brankrotte Stadt erkannt wurde, ist die Verwandlung des Eastern Markets in ein Atelierviertel. Der 1891 gegründete Großhandelsmarkt ist der älteste in den USA und erstreckt sich über 20 Hektar, seine Stände und Hallen sind schon lange ein beliebter Hintergrund für Hochzeiten und Bar Mitzvahs, den Ansprüchen einer modernen Lebensmittellagerung entsprechen sie jedoch nicht mehr. Die Kresge Foundation, eine jener mächtigen Stiftungen, ohne deren Unterstützung das Kulturleben längst abgestorben wäre, hat bereits 40 M Dollar für das 


Der Industrielle und Philanthrop Gary Wasserman vor seiner Kunsthalle, die das Bindeglied zur Detroiter Museumsmeile und dem Großmarkt sein soll. 


Detroiter “SoHo” bereit gestellt. Der Markt wird in ein zeitgemäßes Quartier in der Nähe umziehen - an Platz mangelt es in der 138 Quadratmeilen großen Stadt schließlich nicht. Gary Wasserman hat seine im September eröffnete Kunsthalle in der ehemaligen Reparaturwerkstadt der Feuerwehr bereits mit Blick auf die Zukunft positioniert: der elegant renovierte Ziegelsteinbau sitzt auf der Achse zwischen dem Eastern Market und Midtown mit seinem Detroit Institute of Art (DIA), dem Museum of Contemporary Art Detroit (MOCAD) und George N’namdis Zentrum für zeitgenössische Kunst, einer der wichtigsten, der Abstraktion verschriebenen Galerien am Ort. Wasserman Projects soll als Bindeglied zwischen den etablierten Institutionen und dem neuen Künstler- und Produzentenviertel fungieren.




Während in New York und anderswo der Mechanismus der Gentrifizierung Künstler aus den von ihnen urbar gemachten Armenvierteln mitsamt den ursprünglichen Anwohnern vertreibt, ist in Detroit die Kolononisierung von Niemandsland durch kreative Individuen eine der wenigen erfolgsversprechenden Strategien. “Es ist alles noch sehr fragil”, sagt Wasserman und erwähnt die Arbeitslosenrate von 50 Prozent. Doch der Fall des Texaners Christopher Schanck, der an Cranbrook 3-D Design studierte, macht Hoffnung: vor fünf Jahren begann er in seinem winzigen Haus in Hamtramck mit der Herstellung opulenter, mit Gold- und Silberfolie bezogener Styropormöbel, bei deren Herstellung seine Nachbarn aus Bangladesch, Pakistan und dem Yemen halfen. Der New Yorker Designer Peter Marino entdeckte Schanck, heute stehen seine Stücke bei Dior und Vuitton. In den nächsten Monaten wird er seine Produktion in eine riesige leere Artilleriefabrik verlegen und damit weitere Arbeitsplätze schaffen. Schancks Galerist Paul Johnson hat gerade eine Kathedrale gekauft<b399dc4b-a09f-416a-90b0-9a1bdf2c4d7e.jpg>, die er zu Künstlerstudios renovieren will. 

Frischer Sound für alte Botschaft - Start der ersten kirchlichen Popakademie in Westfalen













Ab September 2016 wird es erstmals in Europa eine kirchliche Popakademie geben. Die Evangelische Kirche von Westfalen will Kirchenmusiker für Popularmusik, also Rock, Gospel, Pop und Jazz ausbilden.
Nein, Kompositionen von Bach und Pachelbel oder Chorsätze von Rilling sollen nicht aus den Gottesdiensten und dem musikalischen evangelischen Gemeindeleben verbannt werden. Doch inzwischen dominieren neue Popsongs mit christlichen Inhalten vermutlich in mehr als der Hälfte des Gemeindealltags. Mit der Gründung ihrer Popakademie will die Evangelische Kirche in Westfalen dem Rechnung tragen - über die Ausbildung klassischer Kirchenmusiker hinaus.
Neue Szene
Seit den 1960er Jahre gibt es eine überwiegend im Protestantismus verankerte geistliche Musikszene, die neue Glaubenstexte in einen zeitgemäßen musikalischen Sound betten. Daraus ging eine ansehnliche Zahl christlicher Bands, Chöre und Einzelinterpreten hervor, die den Vergleich zur säkularen Musikszene zu keiner Zeit scheuen musste. Eine wachsende Konzertkultur, neue Liederbücher und engagierte Musikverlage trugen dazu bei, dass Gitarre, Schlagzeug und Saxophon den Weg in die Gemeinden fanden.

Landeskirchenrat Dr. Vicco von Bülow


“Die evangelische Kirche ist musikalisch mehrsprachig”, sagt Landeskirchenrat Vicco von Bülow im DW-Interview. Immer häufiger komme aus den Gemeinden der Wunsch nach mehr Förderung neuer Musik. Das wirke sich auch auf das Anforderungsprofil bei Stellenausschreibungen für Kirchenmusiker aus. Da es bisher keine richtige Ausbildung für Popularmusik gegeben habe, werde sich das ab September 2016 ändern, so von Bülow, der für die gesamte Kirchenmusik seiner westfälischen Landeskirche zuständig ist.
Qualitätsoffensive
Etwa zehn Studenten können pro Semester aufgenommen werden. Nach acht Semestern haben sie einen Abschluss als Bachelor in der Tasche und sind dann hauptberufliche Pop-Kirchenmusiker. Ein Masterstudiengang ist in Vorbereitung. Als Standort ist Bochum oder Dortmund im Gespräch.
Als “Qualitätsoffensive” wird das Vorhaben von den Initiatoren bezeichnet. Deshalb hielten sie nach besonderen Mitwirkenden Ausschau. Prorektor der Akademie wird Hartmut Neumann, bisher Kirchenmusikdirektor für den Fachbereich Popularmusik der Nordkirche in Hamburg. Er bringt ebenso reichlich Erfahrung mit wie Dieter Falk. Der gehört zu den erfolgreichen Musikern und Produzenten sowohl der säkularen als auch der christlichen Musikszene. Über 50 Platin- und Goldene Schallplatten für mehr als 20 Millionen verkaufte Tonträger schlagen für ihn zu Buche. Der künftige Professor der Popakademie hat deren Gründung von Anfang an als Herzenssache begleitet.
Dieter Falk in seinem Düsseldorfer Studio



Man habe viel vor mit den künftigen Studierenden, so Dieter Falk im DW-Gespräch. “Da ist das breite Paket des Popmusikers mit den Hauptfächern Klavier und Gitarre. Dann Chorleitung, Arrangement, der theologische und liturgische Aufbau von Gottesdiensten, Songwriting, Tontechnik, das Managen von Konzerten.” Wichtig sei auch die Bandleitung: “Ein Kirchenmusiker muss in Zukunft mit einer Konfirmanden-Band vielleicht mal einen Rihanna-Titel für einen Schulgottesdienst einstudieren.” Im Gemeindegottesdienst sei noch überwiegend der klassische Choral angesagt. Deshalb sei es auch ein Ziel “mit den neuen popmusikalischen Kirchenmusikern Choräle anders zu begleiten, sie groovie zu machen.”
Nicht nur für Popmusik-Studenten
Die Kompetenz der neuen Popakademie solle jedoch nicht allein den Studierenden zugute kommen, unterstreicht Vicco von Bülo. Vielmehr wolle die Kirchenleitung, auch all jene fortbilden, die sich neben- oder ehrenamtlich in der Kirchenmusik engagieren. “Das beginnt mit den Erzieherinnen in evangelischen Kindergärten, die wir befähigen wollen, eine Gitarre in die Hand zu nehmen und mit den Kindern etwas zu singen. Das geht weiter über Gemeindepädagogen, die in der Jugendarbeit oder in sozialen Diensten tätig sind. Wir wollen Fortbildungen anbieten, die für alle geöffnet sind, die Interesse daran haben.” Bereits bestehende Angebote rund um die Musik sollen hier ebenfalls integriert werden.
Dieter Falk mit 3.000 Chorsängern bei der Probe zum Pop-Oratorium “Luther” in der Dortmunder Westfalenhalle. Der umjubelten Premiere im Herbst 2015 folgt im Reformations-Jubiläumsjahr 2017 eine große Deutschlandtournee



Was noch fehlt
Wenn alles nach den Vorstellungen der westfälischen Kirche läuft, wird es in absehbarer Zeit also qualitativ mehr hochwertige zeitgemäße Musik geben. Die aber ist nur der eine Teil. Wie steht es um gute, verständliche geistliche Texte? Vicco von Bülow meint, “Gospel, Rock, Pop und Jazz mit christlichen Texten zu versehen - da wird es ganz stark darauf ankommen, dass wir Menschen mit entsprechenden Fähigkeiten anregen können.” Weil es keinen eigenen Ausbildungsgang innerhalb der Popakademie gebe, sei man auf Kooperationen angewiesen. Allerdings weiß von Bülow: “Gute Kirchenmusiker finden immer gute Texter.”

Dieter Falk ist davon überzeugt, “dass wir später in einem Songwriting-Prozess auch Text-Workshops mit ausgezeichneten Textern anbieten müssen.” Schließlich gebe es in der Musik gerade eine “deutsche Welle” wie noch nie.

Goslar - Konzeptkünstler Jimmie Durham erhält den Kaiserring

Der amerikanische Menschenrechtsaktivist und Künstler Durham wird mit dem Goslaer Kaiserring 2016 ausgezeichnet. Die Jury lobte die Vielfalt der Werke des 75-Jährigen.



Der Kunstpreis Goslaer Kaiserring geht in diesem Jahr an den Konzeptkünstler, Autor und Menschenrechtsaktivist Jimmie Durham. Das Werk des US-Amerikaners sei einzigartig und könne keiner künstlerischen Bewegung zugeordnet werden, erklärte die Jury zur Begründung. Es gehe über alle vorhandenen Klassifizierungen hinaus.
Das Schaffen des 75-Jährigen beinhaltet Skulpturen, Installationen, Malerei, Zeichnungen, Performances, Videos und Fotografien. Oft entstehen seine Werke aus dem Prozess der Zusammen- und Gegenüberstellung von Werkstoffen oder gefundenen Objekten, hieß es von der Jury.
Durham begann 1964 als Bildhauer zu arbeiten. Gleichzeitig war er in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung politisch aktiv, unter anderem für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner. Nach einem Kunststudium in der Schweiz kehrte er zunächst in die USA zurück, wo er in den 1970er Jahren Mitbegründer und Vorsitzender des International Indian Treaty Council bei den Vereinten Nationen war. Im Anschluss an einen mehrjährigen Aufenthalt in Mexiko ließ sich der Künstler 1994 in Europa nieder.
Durham hatte weltweit zahlreiche Einzelausstellungen, darunter in Berlin, München, London oder Antwerpen. Er war mehrfacher Teilnehmer großer Kunstausstellungen wie der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig. Der Künstler lebt heute in Berlin.
Die Auszeichnung werde Durham am 8. Oktober in Goslar entgegennehmen, teilte Oberbürgermeister Oliver Junk (CDU) mit. Für bildende Künstler zählt der undotierte Goslarer Kaiserring zu den weltweit höchsten Auszeichnungen. Preisträger 2015 war der aus der Ukraine stammende Fotokünstler Boris Mikhailov. Auch Christo, Joseph Beuys, Max Ernst und Georg Baselitz wurden schon mit dem Kaiserring gewürdigt. 

Wednesday, December 23, 2015

Reise: Marienbad - ein Kurz-Kurlaub in einem der berühmtesten Badeorte Europas

Irgendwie hatte ich den Film “Letztes Jahr in Marienbad” von 1961  im Sinn - obwohl ich mich nicht mehr so genau an den Inhalt erinnern konnte, als meine Familie daran dachte, eine Kurzkur in Tschechien zu unternehmen. Die Frage war: Karlsbad, Marienbad oder Franzenbad - wir kannten nichts davon - und da ich den Film noch immer im Kopf hatte, kam Marienbad in die enge Wahl. Dabei lernten wir, dass diese drei Kurorte nahe der deutschen Grenze, die vor 200 Jahren zu den berühmtesten der Welt zählten, einst Zentrum des gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens waren. 
Die berühmten Kolonaden, in denen man seinen Gesundheitsbrunnen zu sich nimmt


Noch ein bisschen Geschichte: Am Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte Marienbad seine Vollblüte. Der Name Marienbads überquerte weit die österreichisch-ungarische Grenze. In der Kursaison verweilten in Marienbad bedeutende Adelige, Künstler und Unternehmer. Seinen Sommeraufenthalt hat hier der mächtigste Regent der Welt verbracht, der englische König Edward VII. Im Jahre 1904 hat ihn in Marinenbad der österreichische Kaiser Franz Josef I. besucht. Namen, mit denen Marinebad am häufigsten verknüpft wird, sind abgesehen vom englischen König, der deutsche Schriftsteller Johann Wolfgang Goethe, der Psychoanlytiker Siegmund Freud oder der geniale Komponist und Klavierspieler, aus Polen,  Fryderyk Chopin.  Die Prominentenliste ließe sich fast endlos fortsetzen. 

Die Kolonnaden von aussen

Meine Schwester, meine Tochter und ich entschlossen uns also für Marienbad und wurden völlig überrascht.  Die Tradition, der alte Glanz, der Charme vergangener Jahrhunderte  begleiteten uns auf Schritt und Tritt. Man spaziert durch wunderschöne Parkanlagen und bewundert die eleganten Badehäuser und die prächtigen Villen. Und das Beste: Egal, ob Nobelhotel oder einfache Pension, alles ist bezahlbar und man bekommt mehr für sein Geld, als man erwartet. Wichtig ist nur, rechtzeitig zu buchen, denn die besten Zimmer sind schnell belegt. 

Marienbad verfügt über rund 40 Mineralwasserquellen, zahlreiche Wanderwege und sehr gute Luft. Die Gemütlichkeit der Stadt versetzt den Besucher in die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurück


Wir hatten Glück mit unserer Spontanbuchung in einem Haus aus dem Jahr 1880 - das verrät die Fassade - aber innen war es modern renoviert:   Ein Doppelzimmer in diesem  Vier-Sterne Hotel kostete pro Person 380.00 Euro für sieben Tage. Drin im Preis: Vollpension mit Frühstück, Lunch und Dinner, dazu zehn Behandlungen. Für ein paar Euro kann man aber noch mehr  Behandlungen bekommen. Wir sind zum Beispiel fast jeden Abend vor dem Dinner ins Nachbarhotel zum Schwimmen im Warmwasser-Bassin gegangen. Übrigens ist auch die kulinarische Szene mit hübschen Restaurants und original tchechischer  Menükarte absolut einen Besuch wert.

Die Fassaden der Hotels glänzen noch in alter Pracht, doch dahinter verbirgt sich elegantes Interieur und modernste Spa-Technik

Direkt vor unserem Haus war eine Bushaltestelle. Überhaupt sind in Marienbad - wahrscheinlich auch in den anderen Städten - die Bus-und Bahnverbindungen fabelhaft, davon kann man nur träumen, wenn man wie ich  in Los Angeles wohnt. Also haben wir kleine Sightseeing-Touren in die waldreiche Umgebung mit hübschen Orten - mit den für deutsche Zungen unaussprechlichen Namen - unternommen. Mit dem eigenen Auto sind wir dann allerdings nach Pilsen gefahren, schließlich ist Tschechiens berühmte Brauerei-Metrople 2015 Kulturhauptstadt Europas. Aber Pils ist in Pilsen nicht alles - obwohl sich auch für Nicht-Biertrinker eine Brauerei-Tour absolut lohnt.  

Der dichte Kaiserwald rahmt die Stadt ein. Hier sollen nachts Märchengestalten spuken

Die gotische St-Bartholomäus-Kathedrale ist das Wahrzeichen von Pilsen. Die Rundum-Aussicht vom Turm ist großartig. Der zentrale Platz der Republik ist seit der Gründung von Pilsen 1295 einer der größten Stadtplätze Europas.  Die große Freifläche im Zentrum neben dem Rathaus und der Kathedrale säumen wunderschöne Bürgerhäuser aus Renaissance und Barock. Und in Pilsen hat das Puppenspiel eine lange Tradition, also ist ein Besuch im Marionetten-Museum fast ein Muss. Ich konnte mich kaum von den kunstvollen Puppen trennen. Es war nur sozusagen eine Momentaufnahme, aber ich habe beschlossen, wiederzukommen.  Ebenso haben wir auch Marienbad noch nicht abgeschlossen und planen ”Nächstes Jahr in Marienbad”...

Ingrid Steinberg

Thursday, October 8, 2015

Wie die Guerrilla Girls den von Männern dominierten Kunstmarkt aufmischen

“Wenn Sie sich mal nicht so recht trauen, Ihre Meinung zu sagen, dann setzen Sie eine Maske auf: Sie werden gar nicht glauben, was da so aus ihrem Mund kommt”, rät Frieda Kahlo, Guerilla Girl der ersten Stunde, den Zaghaften. Seit nunmehr dreißig Jahren verstecken sich die Mitglieder der feministischen Gruppe hinter den Pseudonymen historischer Künstlerkolleginnen wie Kahlo und Kollwitz, Höch und Martin - und natürlich unter Gorillaköpfen. Die Idee zur grotesken Kostümierung entstammte einem Schreibfehler, der Untergrundkämpfer mit Menschenaffen verwechselte, die Anonymität gehört dagegen zum Grundkonzept: über die Jahrhunderte hinweg lastete die Unbekanntheit als Fluch über Künstlerinnen, doch die alten, jungen, afroamerikanischen, weißen, lesbishen und heterosexuellen Frauen hinter den Masken wählten sie als Schutz vor den potentiellen Vergeltungsmaßnahmen einer inzestuösen Kunstwelt. Denn die Girls - ihr Titel geht der Girrrl Power Bewegung um zwei Jahrzehnte voraus - kamen mit der Intention, zu schockieren, zu informieren, und zu blamieren: ihre Künstlerfreunde, die sich nicht für sie einsetzten, die Galeristen, die ihre Arbeiten ignorierten, die Kritiker, die sie nicht ernst nahmen, die Museen, die Werke alter Meisterinnen wie Artemisa Gentileschi und Judith Leyster in ihren Kellern eingemottet hatten. Mit einem brutalen Gegenschlag war zu rechnen.

Eine 1984 von Kynaston McShine im MoMA organisierte internationale Gruppenshow mit rund 200 Männern und nur 17 Frauen hatte den urspründlichen Stein des Anstoßes geliefert und die Freundinnen zur Teilnahme an einer Demonstration vor dem Museumseingang angestachelt. Niemand beachtete die zum Boykott der Institution aufrufenden Frauen - in einer Ära, als bahnbrechende Ausstellungen wie “Zeitgeist” in Berlin, “The Expressionist Image” in New York und “New Spirit in Painting in Londons” insgesamt unter 102 männlichen Künstern drei weibliche Kolleginnen präsentierten, zählte Sexismus offenbar zur Tagesordnung. So begannen die Partisaninnen, bewaffnet mit Statisken und Humor, in einer Aprilnacht 1985 mit ihrer Untergrundarbeit: am nächsten Morgen stellten Poster den samstäglichen Kunstflaneuren in ganz Soho die Frage, was 42 so unterschiedliche Künstler wie Arman, Eric Fischl und Bruce Nauman gemein hätten: sie stellen in Gallerien aus, die weniger als 10 Prozent - oder gar keine - Frauen zeigen, lautete die Antwort.

Mit dieser ersten Kampagne etablierten sich die Guerilla Girls auf Anhieb als selbsternanntes “Gewissen der Kunstwelt” - die New York Times Kritikerin Roberta Smith entschuldigte sich kleinlaut für ihre männerlastige Berichterstattung, genierte Museumskuratoren gaben zu, sich ihrer unfairen Ausstellungspraxis gar nicht bewußt gewesen zu sein. Derlei Bekenntnisse beschwichtigten die maskierten “Mädchen” keineswegs, sondern stifteten sie zur immer tieferen Analysen der Diskrepanz zwischen der Geschlechterrepräsentanz in den Kulturinstitutionen an. “In den ersten zwei, drei Jahren begriffen wir, dass die Kunstwelt weit hinter dem Rest der Welt hinterher hing - hinter medizinischen Fakultäten, hinter dem Rechtswesen und der Geschäftswelt, wo man sich um die Einbeziehung von mehr Frauen bemühte,” erklährt Kahlo. Die vermeintliche Avantgarde entpuppte sich als trödelnde Nachhut. 

Selbst progressive Institutionen wie das Bauhaus trugen Mitschuld an der Misere: Walter Gropius hatte keine Frauen in die Malereiklassen zugelassen und kreierte stattdessen einen Textilworshop für die vielen hoffnungsfrohen Bewerberinnen, die seinem Ruf einer offenen Schule auf den Leim gegangen waren - und sie revolutionierten das marginale Feld von Grund auf. Die von der feministischen Kunsthistorikerin Linda Nochlin in einem berühmten Essay von 1971 gestellte Frage, warum es keine großen Künstlerinnen gegeben habe, formulierten die Guerilla Girls entsprechend um: “Was ist mit all den großen Künstlerinnen passiert?” Sie webten fantastische Teppiche und Tapisserien. 

Lange bevor das Data Mining detaillierte Informationen über Vorlieben und Gewohnheiten eines jeden Erdbewohners akkumulierte, erstellten die Guerilla Girls akkurate Profile instutioneller Geschlechterpräferenzen - und zwar ohne Computer. Ihre Methode schlichter Quantifizierung resultierte 1989 in einem ihrer berühmtesten Poster:  “Muß eine Frau nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?” will Ingres’ weiblicher, nur mit einer Gorillamaske bekleidete Odaliske wissen. Angesichts der Erhebung - weniger als fünf Prozent der Künstler in Amerikas wichtistem Museum sind Frauen, aber 85% der Akte sind Frauen - eine berechtigte Frage. Auch heute noch: die aktuelle Zählung förderte nur einen minimalen Unterschied zutage, inklusive der zeitgenössischen Abteilung. Überhaupt ist die Arbeit der Guerilla Girls keineswegs getan: nach der letzten Erhebung vom April 2015 sind Frauen in der gegenwärtigen Selektion aus der permanten Sammlung des MoMA - ihrer ursprünglichen Bete Noire - nur zu sieben Prozent vertreten. Um die Jahrtausendwende machte die Gruppe, die zwischenzeitlich 30 Mitglieder zählte und einige Ableger zeugte, Vorstöße in die Filmindustrie: ein “anatomisch korrekter” Oscar mit Hängebauch und dem Kopf des reaktionären US-Senators Trent Lott prangte auf einem Hollywood-Billboard, von skandalösen Zahlen begleitet: keine Spielfilmregisseurin oder Kamerafrau wurde je mit der Trophäe bedacht, und nur drei Prozent aller farbigen Schauspieler haben jemals den Golden Boy gewonnen. Und das in einer Industrie, die sich als besonders liberal versteht - ein fruchtbares Feld für die subversiven Datenanalytikerinnen. Die Eskalation des Kunstmarkts zum Investorenparadies verlangt dieser Tage jedoch die ungeteilte Aufmerksamkeit der versierten Kämpferinnen: warum, erkundigen  sie sich empört, sollten ein paar unternehmerische Kunstsammler das Privileg besitzen, die - unsere! - Kunstgeschichte zu definieren? Entscheiden, wer vorkommt? Schon 1987 spielte eine Spionin im Whitney Frida, Hannah, Atemisa & Co. Dokumente über die Korrumpierbarkeit der Treuhänder zu, aus denen eine wichtige Ausstellung über die wahren Autoren der Kunstgeschichte wurde.

Inzwischen betrachtet das Whitney Museum die ausdauernden She-Apes als Mitlgieder der Kunstweltaristokratie und kaufte kürzlich das gesamte GG Portfolio von 88 Plakaten sowie Ephemera von 1985 bis in die jüngste Vergangenheit. Das gilt auch für Walker Art Museum, das den Guerilla Girls im Januar 2016 eine große Retrospektive widmet, Dem Galeriebetrieb haben sie sich jedoch immer verweigert, stattdessen offerieren die Rebellinnen ihre Poster online für $ 20. Ironischerweise wird eine von ihnen in ihrem Doppelleben als Künstlerin von Mary Boone vertreten - auf dem Zeugnis, das die Girls 1986 17 Galeristen ausstellten, wurde die Art World Diva mit dem Vermerk “Boy Crazy” charakterisiert: sie hatte keine einzige Künstlerin im Programm. Vor ein paar Monaten griff das feministische Kollektiv Pussy Galore (benannt nach der blonden Protagonistin im James Bond Film “Goldfinger”) die Statistik ihrer Vorgängerinnen auf: der Frauenanteil bei Boone ist in den letzten 29 Jahren auf 13 Prozent gestiegen, doch fehlt der neuen, nüchternen Pussy-Liste der typische GG-Charme: “Versager”, “kein Fortschritt”, “Bleib am Ball” hatten sie wie strenge Lehrerinnen hinter die Ziffern geschrieben. Nachsicht ist auch heute nicht von ihnen zu erwarten, denn “Jahrtausende des Patriarchats lassen sich nicht von 50 oder 150 Jahren feministischen Drucks wegwischen”, sagt Kahlo. “Aber früher mußten wir die Leute noch davon überzeugen, dass die Situation falsch war. Heute brauchen wir sie nur daran zu erinnern.” Zum Beispiel mit einem freundlichen Schreiben an den Teuersten Sammler:  “Wir sind darauf aufmerksam geworden, dass Ihre Sammlung - wie die meisten - nicht genug Kunst von Frauen enthält. Wir wissen, dass Ihnen das furchtbar unangenehm ist und Sie die Sache umgehend wieder ins Lot bringen werden.”

Claudia Steinberg

Zäh, unersetzlich und unabhängig - Der amerikanische Buchhandel setzt sich gegen das elektronische Wort durch

Wie einen Ehrentitel trägt die New Yorker Buchhandlung “Three Lives & Co.” das selbst vergebene Attribut “anachronistisch” - in dem 60 qm großen Eckladen an der Kreuzung Waverly und 10th Street, zwischen deckenhohen Regalen und überladenen Büchertischen nistet noch das Flair der Boheme, das der Wall Street Wohlstand dem Village ansonsten ausgetrieben hat. Drei “schwere Stürme”, sagt Eigentümer Toby Cox, hat dieses vor einem knappen halben Jahrhundert von drei Frauen ins Leben gerufene Relikt mit der Zinndecke und den abgetretenen Dielen überstanden: “Die Ladenketten, den E-Reader, und Amazon.” Den Hurrikan der Großen Rezession erwähnt er nicht mal. Doch den unabhängigen Bücherstuben, die 2008 in der Wirtschaftskrise nicht untergingen, geht es heute wider Erwarten besser als zuvor. Das vermeintlich unzeitgmäße Vertrauen in bedrucktes Papier und Patina erweist sich plötzlich als aktuelles Antidot zum ephemeren elektronischen Wort, das “kuratierte Angebot” triumphiert über das Surfen in der unberechenbaren Datenflut, Lokalismus über Globalismus.

“Bildschirmerschöpfung” diagnostiziert Stephen Sparks, Einkäufer des Green Apple Bookstores - einer literarischen Institution in San Francisco seit 1976 - nicht nur bei seiner Kundschaft aus der lokalen High-Tech-Industrie: “Allein 2014 zählte die American Book Association 59 neue Buchhandlungen in den USA, E-Books stagnieren dagegen schon seit einer Weile.” Im vergangenen August eröffnete Green Apple ganz in der Nähe des Stammhauses eine Filiale, und seither entfliehen Google und Startup-Nerds scharenweise den endlosen, abstrakten, von effizienten Energiedrinks wie Schmilk getragenen Tagen am Computer in die stille Gemeinde der Bücherfreunde am Golden Gate Park. Im Unterschied zum engen Green Apple Original mit seinem verheißungsvollen Chaos ist der neue Shop groß, wohl geordnet, und auf Veranstaltungen ausgerichtet. Auf die Ankündigung eines Auftritts von John Waters anläßlich seiner Reisememoiren “Carsick” folgten im Mai 1500 Reservierungen binnen weniger Stunden. 

Sarah McNally bezeichnet ihre Buchhandlung im Boutiquenviertel Nolita trotz des gut besuchten Cafés als “ganz und gar buchorientiert.” Nicht zuletzt dank allabendlicher Lesungen machte McNally Jackson in diesem Jahr 13.9 % mehr Umsatz als 2014, doch ab Oktober will die gelangweilte Eigentümerin ein “extravagantes” Konzept ausprobieren: in Partnerschaft mit National Sawdust, einem neuen Veranstaltungraum in Brooklyn, sollen Lifesendungen mit Autoren, Künstlern und Musikern ein sechsstelliges Publikum statt des harten Kerns von “5000 Bibliophilen erreichen.” Ob sie damit auch die teure Adresse aufgibt, will sie nicht sagen. 

Doch Green Apple verdankt seine neue Filiale schließlich nur einer preisgünstigen Übereinkunft mit dem zwar mythischen, aber nahezu bankrotten DVD Verleih “Le Video”: der Eigentümer des Gebäudes in bester Lage siedelte sein Unternehmen in die erste Etage um und vermietete der Buchhandlung das Parterre zu günstigen Konditionen. Der St. Marks Bookstore mußte letztes Jahr von seinem langjährigen Standort auf der Hauptstraße von Manhattans East Village in ein winziges Ladenlokal umziehen, als die Monatsmiete auf $ 20,000 anstieg. Rafay Khalid, ein Börsenberater pakistanischer Herkunft, mobilisierte 200,000 Dollar zur Rettung in höchster Not. Der Immobilienmarkt glüht, und ein weiteres Unwetter blüht dem zähen, unersetzlichen, unabhängigen Buchhandel.

Claudia Steinberg