Total Pageviews

Thursday, October 8, 2015

Wie die Guerrilla Girls den von Männern dominierten Kunstmarkt aufmischen

“Wenn Sie sich mal nicht so recht trauen, Ihre Meinung zu sagen, dann setzen Sie eine Maske auf: Sie werden gar nicht glauben, was da so aus ihrem Mund kommt”, rät Frieda Kahlo, Guerilla Girl der ersten Stunde, den Zaghaften. Seit nunmehr dreißig Jahren verstecken sich die Mitglieder der feministischen Gruppe hinter den Pseudonymen historischer Künstlerkolleginnen wie Kahlo und Kollwitz, Höch und Martin - und natürlich unter Gorillaköpfen. Die Idee zur grotesken Kostümierung entstammte einem Schreibfehler, der Untergrundkämpfer mit Menschenaffen verwechselte, die Anonymität gehört dagegen zum Grundkonzept: über die Jahrhunderte hinweg lastete die Unbekanntheit als Fluch über Künstlerinnen, doch die alten, jungen, afroamerikanischen, weißen, lesbishen und heterosexuellen Frauen hinter den Masken wählten sie als Schutz vor den potentiellen Vergeltungsmaßnahmen einer inzestuösen Kunstwelt. Denn die Girls - ihr Titel geht der Girrrl Power Bewegung um zwei Jahrzehnte voraus - kamen mit der Intention, zu schockieren, zu informieren, und zu blamieren: ihre Künstlerfreunde, die sich nicht für sie einsetzten, die Galeristen, die ihre Arbeiten ignorierten, die Kritiker, die sie nicht ernst nahmen, die Museen, die Werke alter Meisterinnen wie Artemisa Gentileschi und Judith Leyster in ihren Kellern eingemottet hatten. Mit einem brutalen Gegenschlag war zu rechnen.

Eine 1984 von Kynaston McShine im MoMA organisierte internationale Gruppenshow mit rund 200 Männern und nur 17 Frauen hatte den urspründlichen Stein des Anstoßes geliefert und die Freundinnen zur Teilnahme an einer Demonstration vor dem Museumseingang angestachelt. Niemand beachtete die zum Boykott der Institution aufrufenden Frauen - in einer Ära, als bahnbrechende Ausstellungen wie “Zeitgeist” in Berlin, “The Expressionist Image” in New York und “New Spirit in Painting in Londons” insgesamt unter 102 männlichen Künstern drei weibliche Kolleginnen präsentierten, zählte Sexismus offenbar zur Tagesordnung. So begannen die Partisaninnen, bewaffnet mit Statisken und Humor, in einer Aprilnacht 1985 mit ihrer Untergrundarbeit: am nächsten Morgen stellten Poster den samstäglichen Kunstflaneuren in ganz Soho die Frage, was 42 so unterschiedliche Künstler wie Arman, Eric Fischl und Bruce Nauman gemein hätten: sie stellen in Gallerien aus, die weniger als 10 Prozent - oder gar keine - Frauen zeigen, lautete die Antwort.

Mit dieser ersten Kampagne etablierten sich die Guerilla Girls auf Anhieb als selbsternanntes “Gewissen der Kunstwelt” - die New York Times Kritikerin Roberta Smith entschuldigte sich kleinlaut für ihre männerlastige Berichterstattung, genierte Museumskuratoren gaben zu, sich ihrer unfairen Ausstellungspraxis gar nicht bewußt gewesen zu sein. Derlei Bekenntnisse beschwichtigten die maskierten “Mädchen” keineswegs, sondern stifteten sie zur immer tieferen Analysen der Diskrepanz zwischen der Geschlechterrepräsentanz in den Kulturinstitutionen an. “In den ersten zwei, drei Jahren begriffen wir, dass die Kunstwelt weit hinter dem Rest der Welt hinterher hing - hinter medizinischen Fakultäten, hinter dem Rechtswesen und der Geschäftswelt, wo man sich um die Einbeziehung von mehr Frauen bemühte,” erklährt Kahlo. Die vermeintliche Avantgarde entpuppte sich als trödelnde Nachhut. 

Selbst progressive Institutionen wie das Bauhaus trugen Mitschuld an der Misere: Walter Gropius hatte keine Frauen in die Malereiklassen zugelassen und kreierte stattdessen einen Textilworshop für die vielen hoffnungsfrohen Bewerberinnen, die seinem Ruf einer offenen Schule auf den Leim gegangen waren - und sie revolutionierten das marginale Feld von Grund auf. Die von der feministischen Kunsthistorikerin Linda Nochlin in einem berühmten Essay von 1971 gestellte Frage, warum es keine großen Künstlerinnen gegeben habe, formulierten die Guerilla Girls entsprechend um: “Was ist mit all den großen Künstlerinnen passiert?” Sie webten fantastische Teppiche und Tapisserien. 

Lange bevor das Data Mining detaillierte Informationen über Vorlieben und Gewohnheiten eines jeden Erdbewohners akkumulierte, erstellten die Guerilla Girls akkurate Profile instutioneller Geschlechterpräferenzen - und zwar ohne Computer. Ihre Methode schlichter Quantifizierung resultierte 1989 in einem ihrer berühmtesten Poster:  “Muß eine Frau nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?” will Ingres’ weiblicher, nur mit einer Gorillamaske bekleidete Odaliske wissen. Angesichts der Erhebung - weniger als fünf Prozent der Künstler in Amerikas wichtistem Museum sind Frauen, aber 85% der Akte sind Frauen - eine berechtigte Frage. Auch heute noch: die aktuelle Zählung förderte nur einen minimalen Unterschied zutage, inklusive der zeitgenössischen Abteilung. Überhaupt ist die Arbeit der Guerilla Girls keineswegs getan: nach der letzten Erhebung vom April 2015 sind Frauen in der gegenwärtigen Selektion aus der permanten Sammlung des MoMA - ihrer ursprünglichen Bete Noire - nur zu sieben Prozent vertreten. Um die Jahrtausendwende machte die Gruppe, die zwischenzeitlich 30 Mitglieder zählte und einige Ableger zeugte, Vorstöße in die Filmindustrie: ein “anatomisch korrekter” Oscar mit Hängebauch und dem Kopf des reaktionären US-Senators Trent Lott prangte auf einem Hollywood-Billboard, von skandalösen Zahlen begleitet: keine Spielfilmregisseurin oder Kamerafrau wurde je mit der Trophäe bedacht, und nur drei Prozent aller farbigen Schauspieler haben jemals den Golden Boy gewonnen. Und das in einer Industrie, die sich als besonders liberal versteht - ein fruchtbares Feld für die subversiven Datenanalytikerinnen. Die Eskalation des Kunstmarkts zum Investorenparadies verlangt dieser Tage jedoch die ungeteilte Aufmerksamkeit der versierten Kämpferinnen: warum, erkundigen  sie sich empört, sollten ein paar unternehmerische Kunstsammler das Privileg besitzen, die - unsere! - Kunstgeschichte zu definieren? Entscheiden, wer vorkommt? Schon 1987 spielte eine Spionin im Whitney Frida, Hannah, Atemisa & Co. Dokumente über die Korrumpierbarkeit der Treuhänder zu, aus denen eine wichtige Ausstellung über die wahren Autoren der Kunstgeschichte wurde.

Inzwischen betrachtet das Whitney Museum die ausdauernden She-Apes als Mitlgieder der Kunstweltaristokratie und kaufte kürzlich das gesamte GG Portfolio von 88 Plakaten sowie Ephemera von 1985 bis in die jüngste Vergangenheit. Das gilt auch für Walker Art Museum, das den Guerilla Girls im Januar 2016 eine große Retrospektive widmet, Dem Galeriebetrieb haben sie sich jedoch immer verweigert, stattdessen offerieren die Rebellinnen ihre Poster online für $ 20. Ironischerweise wird eine von ihnen in ihrem Doppelleben als Künstlerin von Mary Boone vertreten - auf dem Zeugnis, das die Girls 1986 17 Galeristen ausstellten, wurde die Art World Diva mit dem Vermerk “Boy Crazy” charakterisiert: sie hatte keine einzige Künstlerin im Programm. Vor ein paar Monaten griff das feministische Kollektiv Pussy Galore (benannt nach der blonden Protagonistin im James Bond Film “Goldfinger”) die Statistik ihrer Vorgängerinnen auf: der Frauenanteil bei Boone ist in den letzten 29 Jahren auf 13 Prozent gestiegen, doch fehlt der neuen, nüchternen Pussy-Liste der typische GG-Charme: “Versager”, “kein Fortschritt”, “Bleib am Ball” hatten sie wie strenge Lehrerinnen hinter die Ziffern geschrieben. Nachsicht ist auch heute nicht von ihnen zu erwarten, denn “Jahrtausende des Patriarchats lassen sich nicht von 50 oder 150 Jahren feministischen Drucks wegwischen”, sagt Kahlo. “Aber früher mußten wir die Leute noch davon überzeugen, dass die Situation falsch war. Heute brauchen wir sie nur daran zu erinnern.” Zum Beispiel mit einem freundlichen Schreiben an den Teuersten Sammler:  “Wir sind darauf aufmerksam geworden, dass Ihre Sammlung - wie die meisten - nicht genug Kunst von Frauen enthält. Wir wissen, dass Ihnen das furchtbar unangenehm ist und Sie die Sache umgehend wieder ins Lot bringen werden.”

Claudia Steinberg

Zäh, unersetzlich und unabhängig - Der amerikanische Buchhandel setzt sich gegen das elektronische Wort durch

Wie einen Ehrentitel trägt die New Yorker Buchhandlung “Three Lives & Co.” das selbst vergebene Attribut “anachronistisch” - in dem 60 qm großen Eckladen an der Kreuzung Waverly und 10th Street, zwischen deckenhohen Regalen und überladenen Büchertischen nistet noch das Flair der Boheme, das der Wall Street Wohlstand dem Village ansonsten ausgetrieben hat. Drei “schwere Stürme”, sagt Eigentümer Toby Cox, hat dieses vor einem knappen halben Jahrhundert von drei Frauen ins Leben gerufene Relikt mit der Zinndecke und den abgetretenen Dielen überstanden: “Die Ladenketten, den E-Reader, und Amazon.” Den Hurrikan der Großen Rezession erwähnt er nicht mal. Doch den unabhängigen Bücherstuben, die 2008 in der Wirtschaftskrise nicht untergingen, geht es heute wider Erwarten besser als zuvor. Das vermeintlich unzeitgmäße Vertrauen in bedrucktes Papier und Patina erweist sich plötzlich als aktuelles Antidot zum ephemeren elektronischen Wort, das “kuratierte Angebot” triumphiert über das Surfen in der unberechenbaren Datenflut, Lokalismus über Globalismus.

“Bildschirmerschöpfung” diagnostiziert Stephen Sparks, Einkäufer des Green Apple Bookstores - einer literarischen Institution in San Francisco seit 1976 - nicht nur bei seiner Kundschaft aus der lokalen High-Tech-Industrie: “Allein 2014 zählte die American Book Association 59 neue Buchhandlungen in den USA, E-Books stagnieren dagegen schon seit einer Weile.” Im vergangenen August eröffnete Green Apple ganz in der Nähe des Stammhauses eine Filiale, und seither entfliehen Google und Startup-Nerds scharenweise den endlosen, abstrakten, von effizienten Energiedrinks wie Schmilk getragenen Tagen am Computer in die stille Gemeinde der Bücherfreunde am Golden Gate Park. Im Unterschied zum engen Green Apple Original mit seinem verheißungsvollen Chaos ist der neue Shop groß, wohl geordnet, und auf Veranstaltungen ausgerichtet. Auf die Ankündigung eines Auftritts von John Waters anläßlich seiner Reisememoiren “Carsick” folgten im Mai 1500 Reservierungen binnen weniger Stunden. 

Sarah McNally bezeichnet ihre Buchhandlung im Boutiquenviertel Nolita trotz des gut besuchten Cafés als “ganz und gar buchorientiert.” Nicht zuletzt dank allabendlicher Lesungen machte McNally Jackson in diesem Jahr 13.9 % mehr Umsatz als 2014, doch ab Oktober will die gelangweilte Eigentümerin ein “extravagantes” Konzept ausprobieren: in Partnerschaft mit National Sawdust, einem neuen Veranstaltungraum in Brooklyn, sollen Lifesendungen mit Autoren, Künstlern und Musikern ein sechsstelliges Publikum statt des harten Kerns von “5000 Bibliophilen erreichen.” Ob sie damit auch die teure Adresse aufgibt, will sie nicht sagen. 

Doch Green Apple verdankt seine neue Filiale schließlich nur einer preisgünstigen Übereinkunft mit dem zwar mythischen, aber nahezu bankrotten DVD Verleih “Le Video”: der Eigentümer des Gebäudes in bester Lage siedelte sein Unternehmen in die erste Etage um und vermietete der Buchhandlung das Parterre zu günstigen Konditionen. Der St. Marks Bookstore mußte letztes Jahr von seinem langjährigen Standort auf der Hauptstraße von Manhattans East Village in ein winziges Ladenlokal umziehen, als die Monatsmiete auf $ 20,000 anstieg. Rafay Khalid, ein Börsenberater pakistanischer Herkunft, mobilisierte 200,000 Dollar zur Rettung in höchster Not. Der Immobilienmarkt glüht, und ein weiteres Unwetter blüht dem zähen, unersetzlichen, unabhängigen Buchhandel.

Claudia Steinberg

Manager eines Magneten

Florenz - Der deutsche Kunsthistoriker Eike Schmidt wird neuer Direktor der weltberühmten Uffizien 
Große Ehre für Eike Schmidt. Der international erfahrene deutsche Kunsthistoriker wird Leiter der Kunstsammlung Uffizien in Florenz. Er ist der erste ausländische Direktor des berühmten Museums überhaupt und bezeichnet den Posten als „Traumjob“. Die 
Uffizien beherbergen Meisterwerke der Malerei und Bildhauerei von der Antike bis zum Spätbarock. Zwei Millionen Besucher strömen jedes Jahr in die Säle. Das ist auch eine 

der Herausforderungen für Eike Schmidt. Er will das Museum besucherfreundlicher machen. Das sollte ihm gelingen. Denn Eike Schmidt, 47, hat sieben Jahre in Florenz gelebt, kennt das italienische System und verfügt über entsprechende Kontakte.

London - Hartwig Fischer wird neuer Direktor des British Museums

Der deutsche Kunsthistoriker Hartwig Fischer (* 1962 in Hamburg) ist  seit 2012 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Nun ist es offiziell, dass Hartwig Fischer in der Nachfolge von Neil MacGregor als Direktor des British Museum seinen  Posten im Frühjahr 2016 antreten wird. Er folgt in dieser Position auf Neil MacGregor, der als Gründungsintendant des Berlin Humboldtforums vorgesehen ist.
Fischer studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie in Bonn, Paris, Rom und Berlin und wurde 1993 an der Universität Bonn mit einer Dissertation über den Dresdner MalerHermann Prell und die wilhelminische Umgestaltung des Palazzo Caffarelli promoviert. Anschließend arbeitete er am Kunstmuseum Bonn und war von 1993 bis 2000 als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent der Direktion am Kunstmuseum Basel tätig. 2001 folgte er ebenda der Tätigkeit als Konservator für das 19. Jahrhundert und die Klassische Moderne (1800–1960). Ab 2006 bekleidete Fischer das Amt des Direktors am Museum Folkwang in Essen. Unter seiner Leitung wuchs die Sammlung durch bedeutende Ankäufe und Schenkungen; in seine Amtszeit fiel auch der Museumsneubau durch den Architekten David Chipperfield. 
Im Dezember 2011 wurde Fischer Nachfolger von Martin Roth als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die Stadt ist ihm seit seiner Kindheit vertraut, oftmals besuchte er die dortige Verwandtschaft, später recherchierte er hier für seine Dissertation und setzte sich dabei schon mit der sächsischen Kunstgeschichte auseinander. Fischer trat sein Amt am 1. Mai 2012 an und wohnt in Dresden.

Friday, August 28, 2015

New York - “Pocket Utopia” - ein Salon als soziale Skulptur und Ausstellungsort von Austin Thomas

Sechs Stationen mit dem L-Train von Manhattan taucht die Skyline nur gelegentlich als vertraute Kulisse hinter Bushwicks horizontaler Geographie von Lagerhäusern, Manufakturen und niedrigen Häuserzeilen auf. Seit Williamsburg mit dem neuen Millenium die Künstler, die das verwaiste Viertel in den letzten zwei Dekaden urbar gemacht hatten, weiter in die verarmten Niemandslandschaften von Brooklyn vertrieb, haben die Exilanten der Immobilienspekulation hier unter lateinamerikanischen Immigranten eine Heimat gefunden. Wo Pioniere noch vor zehn Jahren ihre Lebensmittel an der Tankstelle Ecke Bushwick und Flushing Avenue kaufen mußten und nur Rudel streunender Hunde die desolaten Straßen belebten, gibt es heute gepflegte Bioläden, Restaurants und Galerien. Gigantische Wandmalereien auf den Fassaden ehemaliger Fabriken markieren die jedoch nach wie vor schäbige Gegend als Künstlerterritorium. Mit ihrem nur zwei Jahre aktiven, aber höchst einflußreichen Alternativraum namens “Pocket Utopia”, einem Salon, der sich ebenso als Ausstellungsort wie als “soziale Skulptur” verstand, bot die Künstlerin Austin Thomas 2007 der versprengten Künstlergemeinde eine der ersten Anlaufstellen. Mehr als zwanzig Ausstellungräume gibt es inzwischen in Bushwick, zum Teil mit eigenwilligen Namen wie Laundromat, Small Black Door, Sugar, Temporary Storage oder Famous Accountants, die sich explizit von den Chelsea Brands absetzen.

So verkündet die blaue Markise über der Bushwick Storefront Galerie auch noch immer “PM Taxes” und lockt Leute an, die Hilfe mit ihrer Steuererklärung suchen. Doch Deborah Brown hat den winzigen Raum vor zwei Jahren in ein makellose “White Box” verwandelt, wo sie kleinformatige Arbeiten von Künstlern unterschiedlicher Jahrgänge zeigt: Maler ihrer eigenen Altersgruppe wie Cathy Quinlan, die Stillleben in der Tradition Morandis zur Grundlage weiterer Abstraktion macht, oder Houston Ladda, der Anfang der 80er Jahre mit spektakulären Trompe L’oeils in der South Bronx auf der Bildfläche erschien, stellen hier mit Nachwuchskünstlern wie Gary Petersen und Halsey Hathaway aus.”Das Bushwick-Publikum kennt nur junge Künstler, und ich habe mich bei meinem Programm auf einen Dialog zu verwandten Themen über die Generationen hinweg spezialisiert”, erklärt die gebürtige Kalifornierin, die sich als “Cheerleader für Bushwick” bezeichnet. Wie die meisten Galeristen der Gegend ist sie selbst auch Künstlerin und stellt ihre Bilder - von ihrem urbanen industriellen Umfeld inspirierte und ins Surreale fließende Gemälde - in Manhattan aus.

Kate Levant
Untitled, 2013


An der Peripherie des “Greater Bushwick Area” verfolgt Fred Valentine, Künstler und Mitbegründer des legendären Williamsburger Avantgarde-Raumes “Galapagos”, in seiner Galerie seit letztem Sommer eine ähnliche Strategie generationsübergreifender Ausstellungen. Jane Dickson, die einmal bei Marlborogh zeigte, ist bei ihm ebenso willkommen wie Anthony Martin, der Lightshows für Gruppen wie Jefferson Airplane inszenierte und heute Avantgarde Videos produziert. “So viele Künstler sind es leid, vergeblich an die Pforten der Chelsea-Galerien zu klopfen”, sagt Adam Simon, ein Veteran der Bushwick Szene, der zur Zeit seine auf Schablonen von Werbefotos basierenden Graphitzeichnungen bei Valentine zeigt. Und wo sonst würde ein Galerist den Künstler bei der Arbeit an einem sitespezifischen Bild bis zu dessen Fertigstellung tagelang mit Geschichten unterhalten? Die Atmosphäre in dem kleinen Raum mit seiner einladenden Sitzgruppe gleicht einem Wohnzimmer, doch in einer Nische gibt es sogar einen Gift Shop wie im Museum, wo kleine Kunstwerke unter tausend Dollar zu haben sind. “Man kann hier verdienen, aber natürlich kein Chelsea-Geld “, sagt Fred Valentine, als handelte es sich um eine gänzlich andere Währung. 



Jonathan VanDyke 

Niemand verkörpert den kommunalen Geist der Bushwick Kunstszene besser als der Tänzer und Kurator Jason Andrew, der 2008 sein Apartment in die non-profit Galerie Norte Maar transformierte. Wie fast alle Kunstschauplätze der Gegend ist auch Andrews Ausstellungsraum nur an Wochenenden geöffnet, denn die meisten Künstler-Galeristen sind auf normale Jobs angewiesen. Zur Vernissage drängen sich dann Hunderte von Besuchern durch den engen, labyrinthischen und von Essensdünsten durchzogenen Flur in die Wohnung, wo auch Küche und Schlafzimmer zugänglich ist. Anläßlich des hundertsten Geburtsjahres von John Cage veranstaltet Andrew, der bis vor kurzem auch als Partner in der Storefront Gallery Ausstellungen organisierte, 2012 jeden Monat eine Performance auf der Basis der Vorträge und Schriften des Visionärs . Der Maler, Kunstkritiker und Doktor der italienischen Literatur Paul D’Agostino, der bei seinem Freund und Kollegen Andrew gegenwärtig seine eleganten Monoprints abstrahierter Landschaften zeigt, stellt ebenfalls seit 2008 sein eigenes bescheidenes Domizil mit ebenbürtiger Großzügigkeit als Galerie unter dem Namen Centotto zur Verfügung. Noch besitzt die Bushwick-Szene die Verflochtenheit einer verschworenen Außenseitergemeinde, auch wenn sich im Parterre eines prächtigen Fabrikgebäudes an der Bogart Street kürzlich Galerien im Chelsea-Format ansiedelten. Die Eröffnung eines Außenpostens der Blue Chip Galerie Luhring Augustine in ihrem langjährigen Lagerhaus in Bushwick im Februar versetzte die Nachbarschaft in Aufruhr, Podiumsdiskussionen erörterten den potentiellen Untergang des antikommerziellen Paradieses - bis zur Endstation des L-Trains gibt es noch jede Menge künstlerisches Brachland. 

Claudia Steinberg

Wednesday, August 19, 2015

Schwarzenbach - Erika-Fuchs-Haus: Deutschlands erstes Comic-Museum ist eine Huldigung an Donald Ducks Textchefin

Man nannte sie die Grande Dame des Comics, Erika Fuchs, die langjährige Chefredakteurin der Micky-Maus-Hefte und Übersetzerin der Donald-Duck-Geschichten, die Urheberin des “Erikativs” – “Staun!” “Freu!” “Hüpf!”– und Trägerin zahlreicher (ja sogar Literatur-) Preise. Nun bekam Donald Ducks Textchefin ein eigenes Museum. Am 1. August wurde im oberfränkischen Schwarzenbach an der Saale Deutschlands erstes Comic Museum eröffnet, das “Erika- Fuchs-Haus”. 

Fünf Millionen Euro hat das neue Museum - vorwiegend aus Spenden - gekostet, jetzt hoffen Stadt und Kuratoren, dass die Donald-Fans möglichst zahlreich ins oberfränkische Entenhausen strömen. Im Museum lädt ein “Wort-Generator” dazu ein, selbst Fuchssche Wortungetüme zu erfinden. Und man kann auch in Dagoberts Geldspeicher schwimmen oder in Daniel Düsentriebs Werkstatt stöbern.

Freu! Hüpf! Spring! Donald, Dagobert, Tick, Trickk und Track, Micky, Minnie, Goofy, Pluto... Ohne Erika Fuchs wären die weltberühmten Enten, Mäuse und Hunde nicht das, was sie sind - zumindest in Deutschland...

Erika Fuchs hat jeder Figur eine eigene Sprache gegeben: Dagobert Duck spricht gespickt mit Konjunktiven und verschachtelten Genitivkonstruktionen. Ganz anders als Donald, der wichtigtuerisch übertreibt, oder die Neffen Tick, Trick und Track, denen Fuchs eine Jugendsprache verpasste, die sie sich später in München, wo sie nach dem Tod ihres Mannes bis 2005 lebte, in der U-Bahn abhörte.

Von 1951 an war sie Übersetzerin und Chefredakteurin des Mickey-Maus-Magazins. Mit ihren Wortspielen und lautmalerischen Schöpfungen prägte sie nachhaltig die deutsche Sprache. Sie trug einen wesentlichen Teil dazu bei, dass sich Comics im Nachkriegs-Deutschland von der Schmuddel-Lektüre hin zu einer eigenen Kunstform entwickelten. Ihr zu Ehren wurde nun in Schwarzenbach, einer kleinen Stadt nicht unweit von Bayreuth, Deutschland erstes Comic-Museum eröffnet. Von Schwarzenbach aus erfüllte Fuchs Entenhausen mit Leben, hier lebte sie für rund fünf Jahrzehnte.

Dr. Erika Fuchs: Mutter aller Sprechblasen
Erika Fuchs war für ihren Mann Günter nach Schwarzenbach gezogen. Er war dort Ingenieur, sie konnte mit ihrer Ausbildung als Kunsthistorikerin an Universitäten in Lausanne, München und London in der Provinz nichts anfangen. Bald begann sie, englische Literatur als Gelegenheitsjob ins Deutsche zu übersetzen, unter anderem für Reader’s Digest. In deren Verlagshaus lernte sie irgendwann den Leiter des neugegründeten Ehapa-Verlages kennen.
Er schlug ihr vor, neuartiges Material zu übersetzen: bunte Bildergeschichten, in denen sich Enten und Mäuse mittels Sprechblasen unterhielten. Erika Fuchs lehnte entsetzt ab, einige Comic-Exemplare nahm sie aber dann doch mit nach Hause. Dort wuchsen ihr Mickey, Donald & Co. ans Herz, denn bald darauf stand in jeder Ausgabe bis 1988 ihr Name im Impressum der deutschen Mickey-Mouse-Ausgaben.
Dabei übersetzte Erika Fuchs nie wörtlich, sondern nutzte die englische Vorlage eher als Inspiration. Sie streute klassische Zitate von Schiller bis Bizet ein, lässt Donald beispielsweise schwärmen: “Wie herrlich leuchtet mir die Natur” und zitiert en passant die erste Zeile von Goethes “Maifest”. Auch der Kultsatz “Dem Ingenör ist nicht zu schwör” ist eine Erfindung von Erika Fuchs. Er stammt aus Daniel Düsentriebs Schnabel, um genau zu sein. Und auch die Tick, Trick und Track-Hymne - die im englischen Original übrigens Huey, Dewey und Louie heißen – geht auf ihr dichterisches Konto:
“Wir pfeifen auf Pomade, /
auf Seife, Kamm und Schwamm, /
wir bleiben lieber dreckig /
und wälzen uns im Schlamm.”
Solche Zeilen sahen viele deutsche Eltern in den 60er Jahren nicht gern, doch bei den Nachkriegskindern wurden Comics durch Fuchs’ Sprachgenie umso beliebter. Auch dass sie Details aus ihrem Umfeld im Fichtelgebirge nach Entenhausen schmuggelte, wird bei Ortsnamen wie Schnarchenreuth und Kleinschloppen schnell klar.
Die Mickymaus-Chefredakateurin erfand Kunstwörter und sogar eine neue Verbform, den Inflektiv, der Übersetzerin zu Ehren auch Erikativ genannt. Wer also gern mal “Grübel”, “Ächz” oder “Schnief” sagt, darf sich bei Fuchs für die Erweiterung der deutschen Sprache bedanken. Ihr Entenhausen ist ein Kult-Topos für sich, und durchaus nicht einfach nur die deutsche Ausgabe von “Duckburg”, wie die Entenstadt beim Erfinder Carl Bark heisst.
Fuchs starb im Alter von 98 Jahren 2005 in München. Das Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach würdigt nun Leben und Werk der großen Disney-Übersetzerin. Manuskripte, ihre Schreibmaschine und ihr Notizbuch geben Einblick in Fuchs’ Arbeitsweise. Dabei wird klar, wie akribisch und perfektionistisch sie bei ihren Übersetzungen vorging. Oft redigierte sie die Sprechblasen der Comic-Enten bis zu zehn Mal, bevor sie zufrieden war.

In einem weiteren Teil des Museums haben die Macher Entenhausen nachgebaut. Den größten Platz nimmt Dagoberts Geldspeicher ein, in dem Besucher ein Bad in einem Meer aus Talern des Comic-Kapitalisten nehmen können. Auch die Häuser von Donald und Daniel Düsentrieb lassen sich besichtigen. Man sollte eben nur aufpassen, dass nichts “Schwupp Krach!” zu Bruch geht.
Verantwortlich für die “Donaldisierung” Schwarzenbachs ist Gerhard Severin. Der Amtsrichter und bekennende Donaldist war kurz vor der Eröffnung “vor allem müde vom Kistenschleppen”, denn das Museum ist quasi um seine Sammlung herum entstanden: 3000 Donald-Exponate, Hefte, Poster, Figuren, Entenhausener Devotionalien jeder Art. Die wollte Severin schon vor knapp zehn Jahren ausstellen und fand im damaligen Bürgermeister von Schwarzenbach an der Saale einen Mitstreiter.

So schaut’s aus: Ein Mädchen begutachtet im  Museum für Comic und Sprachkultur die Exponate

Erika Fuchs war eine echte Intellektuelle, die sich das Abi auf einem Knabengymnasium erkämpfte, später in Lausanne, London und München Kunstgeschichte, Archäologie und mittelalterliche Geschichte studierte, 1931 promovierte.”Man kann nie gebildet genug sein, um Comics zu übersetzen”, soll sie gesagt haben. Und in der Tat: Shakespeare, Goethe, Schiller, Brecht, Heine, Cicero – ihre Zitate sind gang und gäbe in Entenhausen...

San Francisco - Audre Lorde, Berliner Jahre: 1984–1992

Filmvorführung im Rahmen der Ausstellung “Homestory Deutschland - Schwarze Biografien in Geschichte und Gegenwart”
Samstag, 22. August 2015 - 19:30 Uhr
RSVP bis 19. August
Gerlind Institute for Cultural Studies
2128 108th Ave
Oakland
Deutsch mit englischen Untertiteln
$10-20
+1 510 4302673


Die prägnanten, zuweilen wütenden, aber immer brillanten Schriften und Reden, für die Audre Lorde bekannt ist, definierte und inspirierte die US-amerikanische feministisch-lesbische, Afro-Amerikanische- und Women-of-Color Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre. “Audre Lorde - die Berliner Jahre 1984-1992” dokumentiert ein vielen unbekanntes Kapitel ihres Lebens: ihren Einfluss auf die deutsche Politik und Kulturszene in einem Jahrzehnt des tiefgreifenden sozialen Wandels. Der Film untersucht die Bedeutung ihres Vermächtnisses. Sie ermunterte Afro-Deutsche, die bis dahin keine selbst gewählte Bezeichnung und keinen eigenen Raum hatten, sich in einer Kultur, die sie isolierte und in der sie keine Stimme hatten, zu zeigen. Der Film dokumentiert wie Lorde die Afro-Deutschen Frauen ermutigt zu schreiben und zu veröffentlichen, während sie weiße Frauen dazu aufforderte, ihre Privilegien anzuerkennen und mit Unterschieden konstruktiv umzugehen. Durch bisher unveröffentlichtes Archivmaterial sowie aktuellen Interviews, wird der weitreichende Einfluss auf Deutschland deutlich. Der Film zeigt Material aus Dagmar Schultzes persönlichem Video- und Audio- Archivs, das einen besonderen Einblick in das private Leben Audre Lordes ermöglicht.