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Sunday, November 16, 2014

Los Angeles: Die Geschichte der Villa Aurora - Weimar by the Sea

Die Villa Aurora
“Lasst uns zu Feuchtwangers gehen,” war das geflügelte Wort unter deutschen und deutsch-jüdischen Exilanten in Los Angeles während der dreißiger und vierziger Jahre, als in der Heimal die Progrome wüteten, der zweite Weltkrieg tobte. Denn hier, malerisch eingebettet in die sanften Hügel der kalifornischen Pacific Palisades mit weitem Blick über den Ozean, residierte das Ehepaar Marta und Lion Feuchtwanger in seiner Villa Aurora, lud die aus dem Nazideutschland geflohene Intelligentia nicht nur zum geistigen Schlagabtausch ein. Hier war man bei selbst gemachtem italienischen Salat oder frischem Apfelstrudel fern der Heimat - aber doch zu Hause - Mensch, Freund, Konkurrent... Und es flogen schon mal die Türen in manch hitziger Auseinandersetzung.
Das Münchner Ehepaar Marta and Lion Feuchtwanger sprach auch in Los Angeles noch bayerisch miteinander 
Lion Feuchtwanger Collection.

Wenn der langgestreckte Balkon hoch auf den Klippen über dem Meer erzählen könnte, würde er viel Persönliches und Menschliches über die Geistesgrößen jener Zeit ausplaudern. Denn auf dem Balkon war man privat zum Frühstück über dem blauen Meeresteppich, zum Lunch unter Sonnenschirmen oder zum abendlichen Drink unter funkelndem Sternenhimmel. Dieser Balkon würde ein Stück Feuilleton schreiben, in dem Arnold Zweig, Bruno Frank, Heinrich Mann, Franz und Alma Mahler-Werfel, Fritz Lang oder Ludwig Marcuse durchaus zugaben, dass sie unglücklich in dieser schönen neuen Welt waren, vor allem, weil sie ihr Werkzeug, ihre Sprache, verloren hatten. Auch Alfred Döblin, Albert Einstein, Arnold Schönberg, Kurt Weill oder Hanns Eisler gehörten zu den Gästen. Bald gesellten sich zu den Deutschen auch Aldous Huxley  und Charles und Oona Chaplin, wenn Lion Feuchtwanger in der Bibliothek mit den vier zusammengerückten Schreibtischen, die rund 30 000 erlesene Buchbände umfasste, aus seinem neuesten Buch vorlas. Übrigens durften Thomas Mann und Bert Brecht nie zusammen eingeladen werde, weil sie sich überhaupt nicht ausstehen konnten. 
Das Wohnzimmer in der Villa Aurora - Ein zentraler Platz für Veranstaltungen

 So wurde die Villa Aurora zum kleinen “Weimar by the Sea”. Feuchtwanger hatte das Glück, bereits ein internationaler Bestseller-Autor zu sein, und nach Ausbürgerung, Haft, Flucht, Entführung und schließlich durch amerikanische Präsidentenhilfe in den USA ohne finanzielle Schwierigkeiten leben zu können. Seinen literarischen Durchbruch hatte der ehemalige Theaterkritiker mit seinem historischen Roman “Jud Süss”.
Lion Feuchtwanger in seiner Bibliothek: Sie umfasst
30 000 Bände

Die Villa Aurora, zu deren Namen die griechische Göttin der Morgenröte Pate stand, hat ihre eigene Geschichte. 1927 wurde sie von der Los Angeles Times als “ideales südkalifornisches Heim” erbaut und tausende von Besuchern bestaunten das 22-Zimmer-Musterhaus im Stil eines andalusischen Schlosses auf einem Areal von 8 000 Quadratmetern mit Springbrunnen im Innenhof. Hier waren die damals modernsten technischen Geräte eingebaut, wie Spülmaschine, Gasherd, Waschmaschine - dazu großzügige Räume. Dennoch war die Investition für die Zeitung nicht rentabel.  Wenige Jahre später stand die Villa Aurora leer und verfiel langsam. Niemand wollte auf diesen steilen, bewaldeten Hügeln fernab der Stadt Los Angeles, ohne Schulen, Läden oder Ärzte, vor allem zu Zeiten der Rationierung des Benzins leben.
Katzenliebhaber Lion Feuchtwanger hat ohne die Zustimmung seiner Frau nichts veröffentlicht

Als Marta und Lion Feuchtwanger nach ihrer Flucht aus Europa die USA erreichten, kamen sie über New York nach Los Angeles und suchten ein passendes Wohnhaus. Die Landschaft der Palisades erinnerte sie an Italien und die Villa Aurora gefiel ihnen, obwohl alle Fensterscheiben zerbrochen waren, dichte Spinnweben im Keller hingen und der Garten komplett zugewuchert war. Lion hatte gerade seinen Roman „Die Brüder Lautensack“ an die Zeitschrift Colliers verkauft und konnte das Haus für diese 9000 $ erwerben. Für Möbel reichte das Geld vorerst nicht: Marta und Lion schliefen auf Schlafsäcken im Garten. Ein Nachbar, der Lions Bücher bewunderte, schickte einen Arbeiter, der Marta half, den Dreck, die toten Eidechsen und Mäuse wegzuschaufeln.
Lion verdiente durch den Verkauf von Büchern und Filmrechten gut und so konnten die Feuchtwangers nach und nach das Haus mit antiken Möbeln aus Second-Hand-Läden einrichten. Sie kauften einem persischen Prinzen, der weiter oben am Hügel wohnte, einen großen Orientteppich ab, legten Pfade den Hügel hinunter zum Meer an und bauten Brücken über die Schluchten. Bald konnten sich beide ohne finanzielle Sorgen ihren Interessen widmen: Marta kaufte Bäume und Lion stöberte seltene Bücher auf und legte sich eine neue, seine dritte und letzte, Bibliothek an.
Als Lion Feuchtwanger 1958 starb, vermachte seine Witwe Marta Haus und Bibliothel der University of Southern California (USC). Allerdings stellte sich nach ihrem Tod 1987 heraus, dass die Villa für etwa 650 000 Dollar  repariert werden musste. Zu teuer für eine Uni. Unterstützt von zahlreichen Künstlern und Politikern aus Deutschland gelang es jedoch dem “Berliner Kreis der Freunde und Förderer der Villa Aurora”, Feuchtwangers Schloss am Meer zu erwerben. Die notwendigen Mittel kamen vor allem vom Land Berlin aber auch von privater Seite. 1994 waren die umfangreichen Renovierungsarbeiten abgeschlossen. Im selben Jahr begann auch die Arbeit der Freunde der Villa Aurora, die den Geist des Literaten und Künstlerzirkels bewahrt und weiter trägt. Ein großes Haus der Begegnungen mit Lesungen, Konzerten und Ausstellungen, die einen lebhaften Austausch zwischen deutschen und amerikanischen Künstlern aus der Welt des Films, der Literatur, der Malerei und der Musik fördern. 
Die Gartenterrasse

Die Stiftung führt die Feuchtwanger-Idee weiter. Sie richtete ein Stipendiaten-Programm ein, das jeweils drei oder vier Künstlern aus unterschiedlichen Bereichen für drei  Monate die Chance gibt, in dieser einzigartigen Atmosphäre zu wohnen, sich inspirieren zu lassen und Kontakte zu knüpfen. Rund 250 Stipendiaten belebten seit 1995 den Geist des Ortes und wurden ihrerseits inspiriert von der US-amerikanischen Kultur und Landschaft, den Spuren der Exilanten oder anderen Künstlern, die zur gleichen Zeit in der Villa Aurora lebten und arbeiteten. Zahlreiche dieser Stipendiaten sind aus der deutschen und internationalen Kunst- und Literaturszene nicht mehr wegzudenken. 
Die Bibliothek des Bestseller-Autors

Die Chefin des Hauses, Margit Kleinman, hat mit einigen Veränderungen dem alten Haus neuen Glanz gegeben, vor allem war sie bemüht den Garten wieder ganz im Sinne der begabten Hobbygärtnerin Marta Feuchtwanger zu gestalten. Am 20. November will Margit Kleinman vier neue Stipendiadten der Villa vorstellen: Diesmal ist es ein Mädchen-Quartett, dass sich an diesem Ort deutscher Kulturgeschichte inspirieren lassen wird und sorglos arbeiten kann. 


Ingrid Steinberg

Wednesday, November 12, 2014

New York - Das Brooklyn Museum zeigte "Killer Heels - The Art of High-Heeled Shoe"

Der Verzicht auf bodenständiges Schuhwerk zugunsten taumelnder Erhabenheit ist ein Balanceakt, bei dem das Symbolische auf extravagante Weise über das Praktische triumphiert. Den kleinwüchsigen Louis IVX verwandelten Perückenmacher und Schuster in eine majestätische Figur, und mit architektonischen Wunderwerken an den Füßen erheben sich zeitgenössische Amazonen über die Häupter ihrer einstigen Unterdrücker, bis eine schiefe Bordsteinkante sie zu Fall bringt. 

Eine Auswahl von 160 grandiosen Kreationen, die ihre Trägerinnen oft um einen ganzen Kopf größer, zugleich aber auch zu hilflosen Geschöpfen machen - zeigte das Brooklyn Museum bis zum 15. Februar 2015 in der Ausstellung "Killer Heels - The Art of the High-Heeled Shoe", angefangen bei den schwindelerweckenden, bis zu 74 Zentimer hohen Venezianischen Chopinen des 15. Jahrhunderts bis zu Zaha Hadids futuristischen Behausungen für die eiligen Füße der Großstädterin. 

Während der moderne Absatz von persischen Reitern zwecks besseren Halts im Steigbügel erfunden wurde (und im Cowboystiefel überlebte), galt die gehobene Ferse an europäischen Höfen als männliches Privileg, bis Napoleon sie den Frauen als irrationale, frivole Spielerei überließ. Und so stolzieren sie in blau gefiederten Pumps von Roger Vivier, auf Rokoko-Säulen von Chanel und auf Louboutins vertikalen, roten Sohlen - der aktuellen Version der "Talon Rouges" der französischen Monarchie - über unebenes Terrain und ignorieren heroisch den pochenden Protest von 26 Knochen und mehr als 100 Muskeln. 

Sechs hypnotische Künstlervideos - unter anderem von Marilyn Minter und Ghada Amer - demonstrierten die Fetischsierung des extrem hochhackigen Schuhs zum weiblichem Phallus, zur Überhöhung der Natur im Dienste einer radikal artifiziellen Schönheit, oder zur Schimäre, wie im Falle von Iris Schiefersteins Stiefeletten aus authentischen Pferdehufen, in denen sich die Frau zur Spitzengängerin verwandelt. 

Wie kein anderes Genre der Fußbekleidung vereinigt jedoch der Stilettoschuh die paradoxe Position der Domina auf ihrem dünnen Sockel: er ist zugleich der Stachel des Skorpions und der Dorn der Eitelkeit, der sich statistisch nach 68 Minuten schmerzlich bemerkbar macht: zwei Drittel aller Stilettoträgerinnen sind schon barfüßig nach Hause gegangen. Doch angesichts des gefährlichen Glamours dieser technologischen Meisterwerke ist der 12 Zentimeter tiefe soziale Abstieg schon am nächsten Tag vergessen.

Claudia Steinberg

Monday, November 3, 2014

New York - Ausstellung bei Gagosian: “Picasso und die Kamera” - Wer kennt schon den Meister als Fotografen

Am 29. Oktober eröffnete in  der Gagosian Gallery an der 21. Straße “Picasso & the Camera” , die fünfte  von seinem langjährigen Freund  und Autographen John Richardson organisierte Ausstellung. Sie wirft ein neues Licht auf Picassos Arbeitsmethode und die wichtige Rolle seiner eigenen Fotos nicht nur als Gedächtnisstütze, sondern als kompositorisches Hilfsmittel. Der Picasso-Enkel Bernard Ruiz-Picasso besitzt einen großen Schatz an Bildern, etliche wurden aus dem Überseekoffer geborgen, der Olga Khokhlova ihr ganzes Leben begleitete und unter anderem auch ihre Ballettschuhe enthielt. Bei der Arbeit am dritten Band der Mammutbiographie entdeckte Richardson - inzwischen beim vierten Band angelangt -  eine Reihe bedeutsamer Fotos, die Picasso in Gemälde umsetzte, und er begann, die unerwartet komplexe Rolle des Mediums in seinem Werk zu erforschen.  


Picasso unterhielt wichtige Freundschaften mit Fotografen, und er war an der Ablichtung seiner Arbeiten ebenso beteiligt
wie an den Portraits, die Man Ray oder  Brassai von ihm machten. Darüber hinaus fotografierte er sich immer wieder selbst (in konfrontativer Pose, fast wie ein Repräsentant des Berufsstands “Künstler” in August Sanders Bildern). Auch aus der Ablichtung immer wieder neu gruppierter Skulpturen entstanden Gemälde, wie ein Beispiel in der Ausstellung illustriert. Gestern ergab sich unverhofft die Gelegenheit zu einem kleinen Interview mit Richardson vor Ort, und ich bin mit einem Vorabdruck des gigantischen Katalogs aus der Galerie marschiert. Die Ausstellung, die auch sehr viele Fotos von Picasso mit Familie und Freunden sowie einige seiner Filme zeigt. Die Ausstellung demonstriert auf sehr spannende Weise, mit welcher Neugier und Freude sich Picasso ein damals noch immer neues Medium aneignete.


Claudia Steinberg

Friday, October 17, 2014

New York - Ein Stück Nostalgie wird zur Vergangenheit - In "Little Italy" lebt kein einziger gebürtiger Italiener mehr

Die Fassade an der Mulberry Street mag in den italienischen Nationalfarben prangen, aber italienische Einwanderer wohnen kaum noch im Viertel
Auf dem Bürgersteig vor dem Grotta Azzurra Ristorante an der Ecke Broome und Mulberry Street wartet der Kellner auf die ersten Mittagsgäste, doch der Wind zupft an den weißen Tischdecken, die Sonne verschwindet immer wieder, und niemand nimmt Platz. So schaut der junge Mann in der knöchellangen Schürze mit verschränkten Armen dem Fernsehteam zu, das hier mit großen Scheinwerfern einen ausgeglichenen Frühlingstag für die Krimiserie “Blue Blood” zaubert. “Wir drehen oft in Little Italy”, sagt der Kabelschlepper. “Viel Atmosphäre, echtes, altes New York.” Die Türme aus farbigem Glas, die sich in den letzten Jahren wie eine neue Dynastie des Himmels über den grauen, niedrigen Dächern der nahen Lower East Side bemächtigt haben, kommen ebensowenig ins Bild wie das Schaufenster des chinesischen Massagesalons oder das Werbeschild von YanShin Tams Akupunkturpraxis. Der elegante Barbier für sorgfältig unrasierte Metrosexuals schon gar nicht.

Der schwarzen Stretch Limousine fällt es schwer, sich durch die engen und überfüllten Straßen von Little Italy zu manövrieren
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Doch auch jenseits des Kameraobjektivs regiert die Nostalgie – für den heroischen Einwanderer aus Süditalien, der seine Eltern, sein malerisches Dorf und eine herzzereißende Landschaft von Zitronenbäumen und Zypressen zurückließ, um hier mit vielen lärmenden Kindern in einer beengten Wohnung ohne warmes Wasser zu leben und dann Amerika doch sehr zu lieben. Der aktuellen, gerade veröffentlichten Volkzählung zufolge findet sich unter den 8600 Einwohnern der 30 Häuserblöcke, die einmal Little Italy ausmachten, allerdings kein einziger gebürtiger Italiener mehr. Ganze fünf Prozent sind Italoamerikaner. Keines der rund hundert Mitglieder prominenter Mafiafamilien, die kürzlich auf der Anklagebank saßen, hatte seinen Wohnsitz in
Piccola Italia. Den letzten, von der lokalen Handelsvereinigung ausgeschriebenen Tenorwettbewerb gewann ein Koreaner.

Die Mafia, in deren verschworene Gemeinde man zumindest symbolisch mit einem Nummernschild Einlaß bekommt, ist fast nur noch Folklore
Auf der vielleicht 300 Meter langen Meile zwischen Nolita im Norden und der Canal Street im Süden sind die Lampenpfosten und Hydranten rot, weiß, grün gestrichen, an der Grand Street leuchtet sogar die ganze Fassade eines alten Mietshauses in patriotischen Streifen, die renovierten Zweizimmerapartments dahinter kosten über 4000 Dollar im Monat. Als sich auf der Höhe des Immobilienbooms die Restaurantmieten im Epizentrum von Little Italy verfünffachten, flohen einige Etablissements nach Staten Island und New Jersey. Doch das Napoli, das Buona Notte und das Palermo, auf dessen Tischen Bouquets bunter Plastikblumen wie auf den Gräbern von San Michele blühen,
haben Herren in schwarzen Anzügen draußen positioniert. “Lunch?” fragen sie nur knapp, begleitet von einer kleinen einladenden Geste – zur Touristenfalle gehören hier gute Manieren, Old World-Style. 

Und wo in ganz New York würde man sonst wie vor der “Kirche des Kostbarsten Blutes” die Statue eines Heiligen finden, der echte Geldscheine in seinen steinernen Händen hält? Nur in Little Italy"
Und ein wenig Charme a la Tony Soprano, dem unwiderstehlichen Helden der langjährigen Fernsehserie im Mafiamilieu. Ein Poster des Soprano-Hauptdarstellers James Gandolfini hängt über uralten Schwarz/Weiß-Fotos von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis im Fenster der Mulberry Bar,
die 2008 ihren hunderdsten Geburtstag feierte. Die senfgelbe Decke ist von Schwaden aus der Zeit, als man in Kneipen noch rauchen durfte, verdunkelt, den Kachelboden durchziehen schmutzige Risse, die Spitzengardinen im Hinterraum sind vergilbt. Ein Gemälde hinter Glas portrairtiert die Stammgäste der 70er Jahre wie eine Genrestudie des 19. Jahrhunderts. Ab und zu klingelt es aus der Telefonzelle in der Ecke, ein fast antikes Geräusch. Die Blondine an der Bar könnte in ein Edward Hopper-Gemälde gehören, wären da nicht die drei riesigen Flat Screens, auf denen stumm die Nachrichten laufen. Doch ein paar Rucksacktouristen sind stolz, ein Stück richtiges Little Italy gefunden zu haben. Dass hier am Wochenende Karaoke geboten wird, spricht ja nur für die Authentizität des Lokals.

In Little Italy gibt es keine Parkplätze, weder für Italiener noch sonst jemandenAdd captionAdd caption
Fodor’s New York City Guide beschreibt die letzten Überreste von Amerikas einst größter Kolonie italienischer Immigranten als “fröhlich”, empfiehlt aber die Arthur Avenue in der Bronx für einen wirklichkeitsnahen Einblick in die italoamerikanische Gegenwart. Aber da steht kein silberner Karren des Canoli-Kings auf der Straße, dort gibt es keine Gangsterfolklore und keine Rat Pack- Romantik. Und wo in ganz New York würde man sonst wie vor der “Kirche des Kostbarsten Blutes” die Statue eines Heiligen finden, der Geldscheine in seinen steinernen Händen hält? Noch immer kommen jeden September drei Millionen Besucher zur Feier des San Gennaro, dem neapolitanischen Märtyrer und Schutzpatron des historischen Distrikts, den die Stadtverwaltung schon längst mit Chinatown fusioniert hat. Die Boutique- und Restaurantbesitzer von NoLita haben bereits Einspruch gegen das zweiwöchige Volksfest eingelegt, das ihnen Grilldünste in die schicken Räumlichkeiten weht und ihre elegante Klientel vertreibt. 

Das Rat Pack wird auch heute noch, lange nach dem Tod von Dean Martin, Sammy Davis und Frank Sinatra in Little Italy verehrt. Auch die Fernsehserie "The Sopranos" ist längst Geschichte.
Aber noch immer haben nur 16 Prozent aller Amerikaner einen Reisepaß, und “die meisten US-Touristen kommen nach Little Italy, weil sie Italien erleben wollen”, meint Dr. Joseph Scelsa, der ehemalige Rektor des Italian American Institutes an der City University. Vor zwei Jahren eröffnete er in einer ehemaligen Bank an der Mulberry Street das Italian American Museum: eine Fin de Siecle Nähmaschine, ein Hochzeitskleid von 1908, Schiffsbillets von der Überseereise und ein ganzes Puppentheater gehören zu den Objekten, die Scelsa mit großer Dringlichkeit für seine Institution aus der Nachbarschaft zusammengetragen hat, bevor auch die letzten Memorabilien dieses wichtigen Kapitels in der Kulturgeschichte Manhattans verloren gegangen sind. “Little Italy wird es nicht mehr lange geben”, sagt er, “aber zumindest konservieren wir es in einem Museum.” Aber wenn die Sonne wieder hinter den Wolken vorkommt, kann man bei einem Espresso zwischen der Mulberry Street Cigar Company mit der John Wayne Büste im Fenster und dem chinesischen Souvenirladen mit seinen goldenen Buddhas die Geschichte vorbeifliegen sehen.
Claudia Steinberg





Wednesday, September 3, 2014

Reportage: Wie Klaviere sterben - nichts für Zartbesaitete: Das letzte Stündlein geliebter Tasteninstrumente

Weder Hiobsbotschaften aus Syrien noch katastrophische Wettermeldungen aus dem mittleren Westen berührten die Leser der New York Times kürzlich so tief wie eine Titelgeschichte über das unrühmliche Ende ausgedienter Klaviere auf der Müllhalde. Die Vorstellung, dass ein schön geschnitztes Piano aus Rosenholz jäh aus einem LKW stürze und mit einem letzten metallischen Aufschrei rücklings auf dem Boden landen könnte, die eleganten Beine hilflos in die staubige Luft gestreckt, um dann von den Stahlzähnen einer Monstermaschine zermalmt zu werden, entfachte einen Sturm der Empörung. Martha Taylor, Inhaberin der Immortal Piano Company, die alte Instrumente vor dem Massengrab bewahrt und in dem düsteren Artikel als einziger Lichtblick erschien, erhielt Hunderte von Zuschriften: "Die traurigste stammte von einem Mädchen aus Brasilien, das ein altes Klavier aus den USA adoptieren wollte", sagt die Restauratorin, die allein wegen des moderaten, klavierfreundlichen Klimas in Portland und nicht in ihrer Lieblingsstadt New York lebt - mal abgesehen von den Transportkosten hätte das empfindliche Objekt den Temperaturschock wohl kaum überstanden. Jeffrey Harrington, der Eigentümer eines Umzugsunternehmens in Maplewood in New Jersey, wurde dagegen mit Hate Mail bombardiert, weil er dem Times-Reporter gestanden hatte, gebrechlichen Klavieren mit dem Vorschlaghammer zu Leibe zu rücken. Die Zeitung sah sich zu einem Folgebeitrag über Wohltätigkeitsorganisationen wie Keys 4/4Kids in St. Paul gezwungen, die heimatlose Instrumente zum Wiederverkauf zugunsten von Bildungsprogrammen aufbereitet.
Noch etwas zu hoch für den genialen Knirps: der kleine Mozart am Klavier

Nach einer langen Reise über die verwirrenden Highways von New Jersey offenbart sich Harringtons abgelegenes Möbellager jedoch keineswegs als Schauplatz der Klaviervernichtung, im Gegenteil: Endlosvideos erinnern die rund 20-köpfige Belegschaft in allen Hallen und Gängen an den fachgerechten Transport von Pianinos und Flügeln. Und wenn Jeffrey Harrington morgens um fünf noch vor seinen Angestellten aus Ghana und Mexiko auftaucht, setzt er sich erst mal an eines der verwaisten Klaviere, die ihm in den letzten Jahren immer häufiger in die Hände fallen, und spielt hingebungsvoll zwischen den riesigen Rollen von Luftpolsterfolie, aufgetürmenten Holzkisten und Gabelstaplern, am liebsten Songs von Billie Joel, "A New York State of Mind". Herrington versucht, den noch wohltönenden Instumenten eine Unterkunft in Kirchen, Altersheimen oder Schulen zu verschaffen. Nur wenn sich bereits Mäuse zwischen den Saiten eingenistet haben oder in dem Kasten nichts als schiefe Töne hausen, wendet er Gewalt an.

Kein anderes Möbelstück besitzt das gleiche sentimentale Gewicht wie ein altes Klavier, doch sein Wert ist in den letzten Jahren rapide gesunken. Die Dissonanz zwischen Nostalgie und Markt liegt zum Teil daran, dass sich der tonnenschwere Gegenstand ästhetisch immer weniger in die leichtfüßigen Einrichtungen des 21. Jahrhunderts einfügt, wobei ein 50,000 Dollar Steinway Konzertflügel mit seinem klassischen Design und unnahbaren Lack natürlich über alle Moden der Innenarchitektur triumphiert. Doch die weniger aristokratischen Instrumente aus der Hochzeit der Klavierproduktion vor rund hundert Jahren haben ihre Lebensspanne, die knapp an unsere eigene heranreicht, längst überschritten. "Besonders Nicht-Spieler erliegen einem romantischen Mißverständnis von der Unsterblichkeit des Klaviers", erklärt Martha Taylor, "doch es handelt sich dabei um einen komplizierten, anfälligen  Organismus mit der Präzision einer Uhr, der zugleich einer immensen inneren Spannung unterliegt." Mit 80 sind die Gelenke müde, das Holz spröde, und selbst die besten der immer seltener werdenden Klavierstimmer und -restaurateure können diesen Greisen kaum noch Harmonisches entlocken. 

Keine Spur mehr von einstiger Noblesse: Vom Prunkstück zum Trümmerhaufen
Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Leiter der Klavierfabriken in Amerika den Status wie jetzt die CEOs der Computerindustrie, sie wurden von Politikern hofiert", meint Larry Fine, Verleger und Chefredakteur der Brancenbibel Acoustic & Digital Piano Buyer. Schon vor der Großen Depression fiel die Pianoproduktion innerhalb von fünf Jahren um 90 % - Radio, Kino und die Abschaffung der höheren Töchter durch die Frauenemanzipation drängten das Klavier in jene Sphäre einer idyllischen Bürgerlichkeit, an die sich heutige Sehnsüchte heften. Nagelneue digitale, leichte Pianos und Keyboards mit Kunststoffkomponenten aus China, die - um den Preis der Ausbeutung von Menschen und Umwelt - weniger kosten als die Reparatur eines betagten Klaviers und oft einen ungleich besseren Klang besitzen, haben die abgekämpften Heavyweights endgültig ins Reich des Sentiments abgeschoben. Auf eBay werden mehr Klaviere zu Spottpreisen angeboten, als sich Abnehmer finden. So stehen seit Beginn der Rezession ausrangierte Klaviere immer häufiger am Straßenrand, ein ebenso surreales Bild wie die vielen an den Bordsteinen gestrandeten Motorboote, deren Besitzer sich weder ihren Unterhalt noch ihre korrekte Entsorgung leisten können.


Zumindest aber wärmen die Gebeine der klapprigsten Instrumente im Winter die Angestellten der New Yorker Firma Beethoven Pianos, die Klaviere restauriert, verkauft und vermietet, wenn sie nicht doch dem Holzofen als Schall und Rauch entschwinden. Transporterarbeiter, die sich an 1200-Pfund-schweren Exemplaren abschleppen und dabei um jeden Kratzer bangen, sollen sich in aufrichtigen Momenten gar zu einer sadistischen Freude am brutalen Ende ihrer sprerrigen Peiniger bekennen. Und auf Youtube hat sich das "piano smashing" mit fünfminütigen Beiträgen unter Titeln wie "Five Guys Are Having Fun Destroying a Piano" zu einem eigenen Genre ausgewachsen - ein Beweis für die anhaltende Popularität  der altmodischen Tasteninstrumente, denn nur Liebesobjekte laden gemeinhin so viel Wut zuteil.