Total Pageviews

Friday, October 17, 2014

New York - Ein Stück Nostalgie wird zur Vergangenheit - In "Little Italy" lebt kein einziger gebürtiger Italiener mehr

Die Fassade an der Mulberry Street mag in den italienischen Nationalfarben prangen, aber italienische Einwanderer wohnen kaum noch im Viertel
Auf dem Bürgersteig vor dem Grotta Azzurra Ristorante an der Ecke Broome und Mulberry Street wartet der Kellner auf die ersten Mittagsgäste, doch der Wind zupft an den weißen Tischdecken, die Sonne verschwindet immer wieder, und niemand nimmt Platz. So schaut der junge Mann in der knöchellangen Schürze mit verschränkten Armen dem Fernsehteam zu, das hier mit großen Scheinwerfern einen ausgeglichenen Frühlingstag für die Krimiserie “Blue Blood” zaubert. “Wir drehen oft in Little Italy”, sagt der Kabelschlepper. “Viel Atmosphäre, echtes, altes New York.” Die Türme aus farbigem Glas, die sich in den letzten Jahren wie eine neue Dynastie des Himmels über den grauen, niedrigen Dächern der nahen Lower East Side bemächtigt haben, kommen ebensowenig ins Bild wie das Schaufenster des chinesischen Massagesalons oder das Werbeschild von YanShin Tams Akupunkturpraxis. Der elegante Barbier für sorgfältig unrasierte Metrosexuals schon gar nicht.

Der schwarzen Stretch Limousine fällt es schwer, sich durch die engen und überfüllten Straßen von Little Italy zu manövrieren
Add caption
Doch auch jenseits des Kameraobjektivs regiert die Nostalgie – für den heroischen Einwanderer aus Süditalien, der seine Eltern, sein malerisches Dorf und eine herzzereißende Landschaft von Zitronenbäumen und Zypressen zurückließ, um hier mit vielen lärmenden Kindern in einer beengten Wohnung ohne warmes Wasser zu leben und dann Amerika doch sehr zu lieben. Der aktuellen, gerade veröffentlichten Volkzählung zufolge findet sich unter den 8600 Einwohnern der 30 Häuserblöcke, die einmal Little Italy ausmachten, allerdings kein einziger gebürtiger Italiener mehr. Ganze fünf Prozent sind Italoamerikaner. Keines der rund hundert Mitglieder prominenter Mafiafamilien, die kürzlich auf der Anklagebank saßen, hatte seinen Wohnsitz in
Piccola Italia. Den letzten, von der lokalen Handelsvereinigung ausgeschriebenen Tenorwettbewerb gewann ein Koreaner.

Die Mafia, in deren verschworene Gemeinde man zumindest symbolisch mit einem Nummernschild Einlaß bekommt, ist fast nur noch Folklore
Auf der vielleicht 300 Meter langen Meile zwischen Nolita im Norden und der Canal Street im Süden sind die Lampenpfosten und Hydranten rot, weiß, grün gestrichen, an der Grand Street leuchtet sogar die ganze Fassade eines alten Mietshauses in patriotischen Streifen, die renovierten Zweizimmerapartments dahinter kosten über 4000 Dollar im Monat. Als sich auf der Höhe des Immobilienbooms die Restaurantmieten im Epizentrum von Little Italy verfünffachten, flohen einige Etablissements nach Staten Island und New Jersey. Doch das Napoli, das Buona Notte und das Palermo, auf dessen Tischen Bouquets bunter Plastikblumen wie auf den Gräbern von San Michele blühen,
haben Herren in schwarzen Anzügen draußen positioniert. “Lunch?” fragen sie nur knapp, begleitet von einer kleinen einladenden Geste – zur Touristenfalle gehören hier gute Manieren, Old World-Style. 

Und wo in ganz New York würde man sonst wie vor der “Kirche des Kostbarsten Blutes” die Statue eines Heiligen finden, der echte Geldscheine in seinen steinernen Händen hält? Nur in Little Italy"
Und ein wenig Charme a la Tony Soprano, dem unwiderstehlichen Helden der langjährigen Fernsehserie im Mafiamilieu. Ein Poster des Soprano-Hauptdarstellers James Gandolfini hängt über uralten Schwarz/Weiß-Fotos von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis im Fenster der Mulberry Bar,
die 2008 ihren hunderdsten Geburtstag feierte. Die senfgelbe Decke ist von Schwaden aus der Zeit, als man in Kneipen noch rauchen durfte, verdunkelt, den Kachelboden durchziehen schmutzige Risse, die Spitzengardinen im Hinterraum sind vergilbt. Ein Gemälde hinter Glas portrairtiert die Stammgäste der 70er Jahre wie eine Genrestudie des 19. Jahrhunderts. Ab und zu klingelt es aus der Telefonzelle in der Ecke, ein fast antikes Geräusch. Die Blondine an der Bar könnte in ein Edward Hopper-Gemälde gehören, wären da nicht die drei riesigen Flat Screens, auf denen stumm die Nachrichten laufen. Doch ein paar Rucksacktouristen sind stolz, ein Stück richtiges Little Italy gefunden zu haben. Dass hier am Wochenende Karaoke geboten wird, spricht ja nur für die Authentizität des Lokals.

In Little Italy gibt es keine Parkplätze, weder für Italiener noch sonst jemandenAdd captionAdd caption
Fodor’s New York City Guide beschreibt die letzten Überreste von Amerikas einst größter Kolonie italienischer Immigranten als “fröhlich”, empfiehlt aber die Arthur Avenue in der Bronx für einen wirklichkeitsnahen Einblick in die italoamerikanische Gegenwart. Aber da steht kein silberner Karren des Canoli-Kings auf der Straße, dort gibt es keine Gangsterfolklore und keine Rat Pack- Romantik. Und wo in ganz New York würde man sonst wie vor der “Kirche des Kostbarsten Blutes” die Statue eines Heiligen finden, der Geldscheine in seinen steinernen Händen hält? Noch immer kommen jeden September drei Millionen Besucher zur Feier des San Gennaro, dem neapolitanischen Märtyrer und Schutzpatron des historischen Distrikts, den die Stadtverwaltung schon längst mit Chinatown fusioniert hat. Die Boutique- und Restaurantbesitzer von NoLita haben bereits Einspruch gegen das zweiwöchige Volksfest eingelegt, das ihnen Grilldünste in die schicken Räumlichkeiten weht und ihre elegante Klientel vertreibt. 

Das Rat Pack wird auch heute noch, lange nach dem Tod von Dean Martin, Sammy Davis und Frank Sinatra in Little Italy verehrt. Auch die Fernsehserie "The Sopranos" ist längst Geschichte.
Aber noch immer haben nur 16 Prozent aller Amerikaner einen Reisepaß, und “die meisten US-Touristen kommen nach Little Italy, weil sie Italien erleben wollen”, meint Dr. Joseph Scelsa, der ehemalige Rektor des Italian American Institutes an der City University. Vor zwei Jahren eröffnete er in einer ehemaligen Bank an der Mulberry Street das Italian American Museum: eine Fin de Siecle Nähmaschine, ein Hochzeitskleid von 1908, Schiffsbillets von der Überseereise und ein ganzes Puppentheater gehören zu den Objekten, die Scelsa mit großer Dringlichkeit für seine Institution aus der Nachbarschaft zusammengetragen hat, bevor auch die letzten Memorabilien dieses wichtigen Kapitels in der Kulturgeschichte Manhattans verloren gegangen sind. “Little Italy wird es nicht mehr lange geben”, sagt er, “aber zumindest konservieren wir es in einem Museum.” Aber wenn die Sonne wieder hinter den Wolken vorkommt, kann man bei einem Espresso zwischen der Mulberry Street Cigar Company mit der John Wayne Büste im Fenster und dem chinesischen Souvenirladen mit seinen goldenen Buddhas die Geschichte vorbeifliegen sehen.
Claudia Steinberg





Wednesday, September 3, 2014

Reportage: Wie Klaviere sterben - nichts für Zartbesaitete: Das letzte Stündlein geliebter Tasteninstrumente

Weder Hiobsbotschaften aus Syrien noch katastrophische Wettermeldungen aus dem mittleren Westen berührten die Leser der New York Times kürzlich so tief wie eine Titelgeschichte über das unrühmliche Ende ausgedienter Klaviere auf der Müllhalde. Die Vorstellung, dass ein schön geschnitztes Piano aus Rosenholz jäh aus einem LKW stürze und mit einem letzten metallischen Aufschrei rücklings auf dem Boden landen könnte, die eleganten Beine hilflos in die staubige Luft gestreckt, um dann von den Stahlzähnen einer Monstermaschine zermalmt zu werden, entfachte einen Sturm der Empörung. Martha Taylor, Inhaberin der Immortal Piano Company, die alte Instrumente vor dem Massengrab bewahrt und in dem düsteren Artikel als einziger Lichtblick erschien, erhielt Hunderte von Zuschriften: "Die traurigste stammte von einem Mädchen aus Brasilien, das ein altes Klavier aus den USA adoptieren wollte", sagt die Restauratorin, die allein wegen des moderaten, klavierfreundlichen Klimas in Portland und nicht in ihrer Lieblingsstadt New York lebt - mal abgesehen von den Transportkosten hätte das empfindliche Objekt den Temperaturschock wohl kaum überstanden. Jeffrey Harrington, der Eigentümer eines Umzugsunternehmens in Maplewood in New Jersey, wurde dagegen mit Hate Mail bombardiert, weil er dem Times-Reporter gestanden hatte, gebrechlichen Klavieren mit dem Vorschlaghammer zu Leibe zu rücken. Die Zeitung sah sich zu einem Folgebeitrag über Wohltätigkeitsorganisationen wie Keys 4/4Kids in St. Paul gezwungen, die heimatlose Instrumente zum Wiederverkauf zugunsten von Bildungsprogrammen aufbereitet.
Noch etwas zu hoch für den genialen Knirps: der kleine Mozart am Klavier

Nach einer langen Reise über die verwirrenden Highways von New Jersey offenbart sich Harringtons abgelegenes Möbellager jedoch keineswegs als Schauplatz der Klaviervernichtung, im Gegenteil: Endlosvideos erinnern die rund 20-köpfige Belegschaft in allen Hallen und Gängen an den fachgerechten Transport von Pianinos und Flügeln. Und wenn Jeffrey Harrington morgens um fünf noch vor seinen Angestellten aus Ghana und Mexiko auftaucht, setzt er sich erst mal an eines der verwaisten Klaviere, die ihm in den letzten Jahren immer häufiger in die Hände fallen, und spielt hingebungsvoll zwischen den riesigen Rollen von Luftpolsterfolie, aufgetürmenten Holzkisten und Gabelstaplern, am liebsten Songs von Billie Joel, "A New York State of Mind". Herrington versucht, den noch wohltönenden Instumenten eine Unterkunft in Kirchen, Altersheimen oder Schulen zu verschaffen. Nur wenn sich bereits Mäuse zwischen den Saiten eingenistet haben oder in dem Kasten nichts als schiefe Töne hausen, wendet er Gewalt an.

Kein anderes Möbelstück besitzt das gleiche sentimentale Gewicht wie ein altes Klavier, doch sein Wert ist in den letzten Jahren rapide gesunken. Die Dissonanz zwischen Nostalgie und Markt liegt zum Teil daran, dass sich der tonnenschwere Gegenstand ästhetisch immer weniger in die leichtfüßigen Einrichtungen des 21. Jahrhunderts einfügt, wobei ein 50,000 Dollar Steinway Konzertflügel mit seinem klassischen Design und unnahbaren Lack natürlich über alle Moden der Innenarchitektur triumphiert. Doch die weniger aristokratischen Instrumente aus der Hochzeit der Klavierproduktion vor rund hundert Jahren haben ihre Lebensspanne, die knapp an unsere eigene heranreicht, längst überschritten. "Besonders Nicht-Spieler erliegen einem romantischen Mißverständnis von der Unsterblichkeit des Klaviers", erklärt Martha Taylor, "doch es handelt sich dabei um einen komplizierten, anfälligen  Organismus mit der Präzision einer Uhr, der zugleich einer immensen inneren Spannung unterliegt." Mit 80 sind die Gelenke müde, das Holz spröde, und selbst die besten der immer seltener werdenden Klavierstimmer und -restaurateure können diesen Greisen kaum noch Harmonisches entlocken. 

Keine Spur mehr von einstiger Noblesse: Vom Prunkstück zum Trümmerhaufen
Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Leiter der Klavierfabriken in Amerika den Status wie jetzt die CEOs der Computerindustrie, sie wurden von Politikern hofiert", meint Larry Fine, Verleger und Chefredakteur der Brancenbibel Acoustic & Digital Piano Buyer. Schon vor der Großen Depression fiel die Pianoproduktion innerhalb von fünf Jahren um 90 % - Radio, Kino und die Abschaffung der höheren Töchter durch die Frauenemanzipation drängten das Klavier in jene Sphäre einer idyllischen Bürgerlichkeit, an die sich heutige Sehnsüchte heften. Nagelneue digitale, leichte Pianos und Keyboards mit Kunststoffkomponenten aus China, die - um den Preis der Ausbeutung von Menschen und Umwelt - weniger kosten als die Reparatur eines betagten Klaviers und oft einen ungleich besseren Klang besitzen, haben die abgekämpften Heavyweights endgültig ins Reich des Sentiments abgeschoben. Auf eBay werden mehr Klaviere zu Spottpreisen angeboten, als sich Abnehmer finden. So stehen seit Beginn der Rezession ausrangierte Klaviere immer häufiger am Straßenrand, ein ebenso surreales Bild wie die vielen an den Bordsteinen gestrandeten Motorboote, deren Besitzer sich weder ihren Unterhalt noch ihre korrekte Entsorgung leisten können.


Zumindest aber wärmen die Gebeine der klapprigsten Instrumente im Winter die Angestellten der New Yorker Firma Beethoven Pianos, die Klaviere restauriert, verkauft und vermietet, wenn sie nicht doch dem Holzofen als Schall und Rauch entschwinden. Transporterarbeiter, die sich an 1200-Pfund-schweren Exemplaren abschleppen und dabei um jeden Kratzer bangen, sollen sich in aufrichtigen Momenten gar zu einer sadistischen Freude am brutalen Ende ihrer sprerrigen Peiniger bekennen. Und auf Youtube hat sich das "piano smashing" mit fünfminütigen Beiträgen unter Titeln wie "Five Guys Are Having Fun Destroying a Piano" zu einem eigenen Genre ausgewachsen - ein Beweis für die anhaltende Popularität  der altmodischen Tasteninstrumente, denn nur Liebesobjekte laden gemeinhin so viel Wut zuteil.